SAX Das
Dresdner Stadtmagazin Heft 2/98
Ankunft Herrnhut, Kunstbahnhof.
Mit dem Bummelzug zur europäischen
Moderne. Im Bahnhof Herrnhut zeigt die Galerie AERAS deutsche,
polnische und tschechische Gegenwartskunst.
Der Mann mit der roten Mütze pfeift den Mittagszug
vom Gleis. Zwo Reisende klappern mit dem Gittertor zum Städtchen.
Auf und zu. Im Hinterstübchen des Dienstraumes seufzt des
Stationsvorstehers Kaffeemaschine. Bahnhof Herrnhut. So alle zwei
Stunden oder seltener bummelt hier ein Zug vorbei. Die Dörfer
zwischen Zittau und Löbau heißen Niederoderwitz und
Oberoderwitz, Niedercunnersdorf und Obercunnersdorf. Hinter den
Wiesen liegt das Gebirge, und im Böhmischen scheint die Sonne.
Dietrich Arlt bleibt zurück an der Bahnsteigkante;
er ist hier zu Hause. Arlt zeigt Kunst auf dem Bahnhof Herrnhut.
Über der verlassenen Bahnhofshalle hat er seine Wohnung,
in der ehemaligen Bahnhofswirtschaft die Galerie AERAS; und wenn
er so weitermacht, dann stehen im Sommer Skulpturen zwischen den
Gleisen, hängt Malerei im Lokschuppen und das AERAS-Plakat
auf der Prager Burg.
Die erste Ausstellung zeigt "Vier prägnante
Positionen": Malerei, Grafik und Skulpturen von Ulrike Hogrebe,
Ludmilla Seefried-Matejkova, Andrzej Nowacki und Klaus Duschat.
Zwei Deutsche, ein Pole, eine Tschechin. Arlts Programm für
die Galerie im östlichen Dreiländereck: Europäische
Moderne zwischen Berlin, Prag und Warschau.
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Dietrich Arlt wurde 1936 in Prittag geboren, das liegt
in Schlesien und in Polen. Seit 1962 lebt er in West-Berlin. Sein
Bruder blieb im Osten Deutschlands, wurde Prediger bei den Herrnhuter
Brüdern; Dietrich Arlt studierte Bildhauerei an der Werkkunstschule
in Wuppertal und an der Kunsthochschule Berlin. Seine Bildsprache
hält sich an ostasiatische Weisheit und die Kunst der Konstruktivisten.
Erdnahe Farben in klaren Formen. Im Gespräch erwähnt
er bald Tizian und Matisse, dazu läuft Cembalomusik von Johann
Sebastian Bach oder eine Polonaise von Chopin. Nahegereisten Besuchern
bietet der Galerist gern einen Rotkäppchensekt an, von Freyburg
an der Unstrut; und den Politikteil ihrer Tageszeitung möchten
sie gelesen haben.
Kunstsinnig, weltläufig und auch noch bibelfest
- dieser untersetzte Mann mit Dreitagesstoppeln und Clochardmütze
erscheint dem Gemeinwesen der Herrnhuter als nicht ganz geheurer
Zugang. Die Erben des mährischen Zimmermanns und Glaubensflüchtlings
Christian David, der am 17. Juni 1722 den ersten Baum gefällt
hatte für die kleine Exilantensiedlung und künftige
"Herrnhuter Brüder Unität", sie haben zwei
Jahrhunderte lang die halbe Welt missioniert. Und nun kommt einer,
aus Berlin, und will ihnen Kunst beibringen. Besucher erscheinen
bei ihm rar, aber stetig.
Ausgedacht und zurechtgeträumt hat Bahnfahrer
Arlt sich den "Kunstbahnhof" während eines verlängerten
Bahnsteigaufenthaltes auf der Heimfahrt von einer Geburtstagsfeier
der Familie. Eine Szenerie wie im Film. "12 Uhr mittags",
Herrnhut im wilden Osten. Mit der Deutschen Bahn war er sich bald
einig. Der Stationsvorsteher hat endlich wieder einen Nachbarn.
Zum Eröffungsfest, am Reformationstag und mit
Klezmer-Musik (Harry's Freilach
aus Berlin), wünschte Diplomat Bürgermeister dem Galeristen
alles Gute. Der denkmalwürdige Bahnhof erlebte einen Abend
lang Menschen wie in besten Jahren vor der Schalterluke. Doch
ein Förderverein, mit dem Arlt das Kunstzentrum betreiben
wollte, gibt es bis heute nicht: "Das kann nicht einfach
angesagt werden, so etwas reift langsam."
Zügig wachsen allein die Kosten, alles weitere
will Weile haben. Arlt mochte nicht warten, bis ein Verein reif
ist und Kunst fördern kann, den "Kunstbahnhof"
betreibt er nun "privatwirtschaftlich". Ein Berliner
Maler bereichert die Herrnhuter Gewerbelandschaft um eine private
Galerie für moderne Kunst. Kreditinstitute werden das wohlwollend
vernommen haben.
Der Arbeitstag des Bahnhofsgaleristen beginnt im Morgengrauen
mit dem Füttern von einem halben Dutzend Kachelöfen.
An gut beheizten Vormittagen hält schon mal ein Reisebus
mit erlebnisfrohen Senioren vor dem Galeriebahnhof. Die besten
Abende verlieren sich in Teegesprächen mit Besuchern, die
froh sind, endlich eine Kunststätte bei sich zu wissen, die
sich nicht hinter der Hecke regionaler Beschaulichkeit verkriecht.
Eine Galerie mit vergleichbarem europoäischem Programm gab
es in der "Ferienlandschaft der Umgebindehäuser"
bisher nicht.
Im Sommer wird ein "Kunstzug" großstädtisches
Galeriepublikum in die Oberlausitz fahren. Mit Claudette Griffiths
zu den Umgebindehäusern. Bilder und Objekte der auf Jamaica
geborenen Berliner Künstlerin werden in den Coupés
ausgestellt sein, die "Ostsächsischen Eisenbahnfreunde"
machen Dampf. Die Reise beginnt in Görlitz mit einem Stadtrundgang
zwischen Mittelalter und Jugendstil. Erst Station des "Kunstzuges"
ist Löbau, wo Arlt ein Ratsherrenessen servieren läßt
nach Art des Sechsstädtekonvents, dieses nach der Hanse mächtigsten
mittelalterlichen Städtebündnisses. Von Löbau dampft
der "Kunstzug" nach Herrnhut: Karibik-Jazz in der Galerie,
Bilder, Skulpturen eines Ost-West-Symposiums auf dem Bahnhof,
Wein, Sekt. Weiter nach Zittau. Mit dem Bus ins Gebirge, zum Kurort
Oybin. Abends die sagenhafte Stadtführung ins Zittauer Mittelalter.
Ein Kunstausflug aus dem Probierglas; wer die ganze Flasche ordern
will, kann wiederkommen.
Bis dahin wird Arlt im Dreiländereck noch einige
Vernissagen feiern. Die nächste am Sonnabend, dem 31. Januar,
mit Bildern von Helmut Metzner, einem Berliner Maler. Metzner
hat nach dem Studium an der HdK Berlin Anfang der 70er Jahre und
noch einmal in den 80ern in New York gearbeitet und international
ausgestellt. Am nächsten Morgen um 11 Uhr liest an den Herrnhuter
Gleisen Olaf Münzenberg, langjähriger Vorsitzender des
Berliner Schriftstellerverbandes.
Die dritte Ausstellung im Herrnhuter Kunstbahnhof vereint
konstruktivistische Bilder des Dresdner Autodidakten Andreas Garn
mit Arbeiten von Slawomir Marzec, der bei Günter Uecker studiert
hat und an der Warschauer Kunstakademie lehrt, sowie mit Skulpturen
des in Berlin lebenden Tschechen Rudolf Valenta.
Während seiner ersten Auktion, als dieses etwas
beschämte Besuchergrüppchen vor den über hundert
Grafiken saß und dann doch die Gelegenheit nutzte, Kunst
so preiswert wie wohl noch nie bei eienr Versteigerung zu erwerben,
stellte Arlt nicht nur den Grieshaber, den Ralf Winkler und den
Hermann Glöckner beiseite für bessere Zeiten. Er hatte,
offenbar so spontan wie weiland auf dem Bahnsteig, eine Idee:
Die AERothek, "der Name ist eine kleine Reverenz aus die
Aeroflot", wird gerahmte Grafik verleihen. Fünf Mark
für vier Wochen Kunstbesitz; das ist selbst in Deutschlands
ärmster Gegend (Statistik neulich in der Zeitung) ein guter
Preis.
Herrnhut liegt zwischen Berlin und Prag ungefähr
in der Mitte; nach Warschau ist es so nah wie nach Aachen im westlichen
Dreiländereck. West gegen Ost, Künstler des einen Dreiländerecks
stellen in dem andren ihre Arbeiten aus; ein Projekt, das AERAS
gemeinsam mit der Sammlung Ludwig in Aachen realisieren will.
Herrnhut liegt nämlich wieder mitten in Europa. Der Kunstbahnhof
ist das letzte Haus der Stadt, oder das erste. Kommt auf die Blickrichtung
an. Alle zwei Stunden hält ein Zug. DETLEF KRELL
GALERIE AERAS
HERRNHUT IM DREILÄNDERECK
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Kulturforum Dreiländereck e.V.
Dietrich Arlt-Aeras
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