Harry Timmermann
DIE KLAGE DES GILGAMESCH
Elias Canettis Herausforderung des Todes
Elias Canetti, der 1905 in Bulgarien geborene, deutsch
schreibende Dichter und Essayist spaniolisch-jüdischer Herkunft
- er starb nicht lange vor seinem 90. Geburtstag in Zürich
- hatte seit seiner Kindheit eine Leidenschaft für das dramatische
Rezitieren, besonders das lesend vorgetragene Rollenspiel. Im
Zusammenspiel mit der Mutter hat er früh begonnen, sich in
poetisch gestaltete Figuren einzuleben, sie sich als geistige
Substanz einzuverleiben, lesend immer wieder ein anderer und dadurch
erst er selbst zu werden: ein potentiell unbeschränktes Ich,
daß sich darin seiner selbst versichert, daß es sich
verwandelt. Über seine Jugend in Wien (1913 bis 1916) schreibt
Canetti in seiner autobiographischen Schrift "Die gerettete
Zunge":
"Das unvergleichlich Wichtigste, das Aufregende und Besondere
dieser Zeit waren die Leseabende mit der Mutter und die Gespräche,
die sich an jede Lektüre knöpften. Ich kann diese Gespräche
nicht mehr im einzelnen wiedergeben, denn ich bestehe zum guten
Teil aus ihnen. Wenn es eine geistige Substanz gibt, die man in
frühen Jahren empfängt, auf die man sich immer bezieht,
von der man nie loskommt, so war es diese. Ich war von blindem
Vertrauen zur Mutter erfüllt; die Figuren, über die
sie mich befragte, über die sie dann zu mir sprach, sind
so sehr zu meiner Welt geworden, daß ich sie nicht mehr
auseinander nehmen kann. Alle späteren Einflüsse kann
ich in jeder Einzelheit verfolgen. Diese aber bilden eine Einheit
von unzerteilbarer Dichte. Seit dieser Zeit, also seit meinem
zehnten Lebensjahr, ist es eine Art Glaubenssatz von mir, daß
ich aus diesen vielen Personen bestehe, deren ich mir keineswegs
bewußt bin. Ich denke, sie bestimmen, was mich an Menschen,
denen ich begegne, anzieht oder abstößt. Sie waren
das Brot und das Salz der frühen Jahre. Sie sind das eigentliche,
das verborgene Leben meines Geistes" (GZ lo5 f.).
Später erfährt man, was Canettis
Mutter - die, wie auch der Vater, am
liebsten Burgschauspielerin geworden wäre und ihren Mann
in endlosen Theatergesprächen kennen- und liebengelernt hatte
- mit dem Sohn Elias las: Shakespeare und Schiller vor allem.
Doch hat es seinen Sinn, wenn Canetti diese Namen eher beiläufig
erwähnt: nicht um bestimmte dramatische Figuren geht es ihm,
die ihm etwa als Vorbild gedient hätten, sondern um den Wechsel
der Identifikationen, das Erlernen einer Vielfalt von Figuren.
Im dramatischen Rollenspiel und in Gesprächen darüber
hat sich für den Jüngling Elias Canetti eine Identitätsbildung
vollzogen, die mehr war als die Ausbildung zum funktionstüchtigen
Mitglied einer Gesellschaft oder zum selbstbewußten Staatsbürger,
mehr auch als die Bildung zu einer harmonisch geschlossenen, einheitlichen
Persönlichkeit: es handelte sich um eine spielerische Schulung
dessen, was für den Dichter und Philosophen Canetti später
das zentrale Anthropologicum werden sollte, der entscheidende
Differenzpunkt in der Bestimmung des Menschlichen im Unterschied
zum Tier, das höchste Signum der Humanität: das ist
die Verwandlungefähigkeit. Canetti schreibt in seinem Hauptwerk
"Masse und Macht":
"In der Ausbildung der Verwandlung ist
er (der Mensch) erst recht zum Menschen geworden, sie war seine
eigentümliche Begabung und Lust." (MM 12o f.)
Was Canetti für die Entstehungsgeschichte der Menschheit
behauptet: daß der Mensch sich durch Verwandlung alle Tiere,
die er kannte, gewissermaßen einverleibt habe und dadurch
erst zum Menschen geworden sei, das gilt auch für die Lebensgeschichte
von Elias Canetti selbst, der allerdings seine Verwandlungsfähigkeit
nicht nur an Tieren, sondern an dramatischen und literarischen
Figuren; an Menschen, die er kannte; vor allem aber in der Lektüre
von Mythen übte. Dabei bildete er sich zum Dichter, den er
einmal, in seiner Rede "Der Beruf des Dichters" von
1976, als einen "Hüter der Verwandlung" (GW 28-3)
bezeichnete.
Dies in einem zweifachen Sinne: einem gesellschaftlich-zwischenmenschlichen
und einem kulturgeschichtlichen.
"In einer Welt, die auf Leistung und Spezialisierung
angelegt ist, die nichts als Spitzen sieht, denen man in einer
Art von linearer Beschränkung zustrebt, die alle Kraft an
die kalte Einsamkeit der Spitzen wendet, das Danebenliegende aber,
das Vielfache, das Eigentliche, das sich zu keiner Spitzenhilfe
anbietet, mißachtet und verwischt; in einer Welt, die die
Verwandlung mehr und mehr verbietet, weil sie dem Allzweck der
Produktion entgegenwirkt, die bedenkenlos die Mittel zu ihrer
Selbstzerstörung vervielfältigt und gleichzeitig zu
ersticken sucht, was an früher erworbenen Qualitäten
des Menschen noch vorhanden wäre, das ihr entgegenwirken
könnte- in einer solchen Welt, die man als die verblendetste
aller Welten bezeichnen möchte, scheint es von geradezu kardinaler
Bedeutung, daß es welche gibt, die diese Gabe der Verwandlung
ihr zum Trotz weiter üben. Dies, meine ich, wäre die
eigentliche Aufgabe der Dichter. Sie sollten, dank einer Gabe,
die eine allgemeine war, die jetzt zur Atrophie verurteilt ist,
die sie sich aber mit allen Mitteln erhalten
müßten, die Zugänge zwischen den Menschen
offenhalten. Sie sollten imstande sein, zu jedem zu werden,
auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten. Ihre
Lust auf Erfahrung anderer von innen her dürfte nie von den
Zwecken bestimmt sein, aus denen unser normales, sozusagen offizielles
Leben besteht, sie müßte völlig frei sein von
einer Absicht auf Erfolg oder Geltung, eine Leidenschaft für
sich, eben die Leidenschaft der Verwandlung. Es wurde ein immer
offenes Ohr dazugehören, doch wäre es damit allein nicht
getan, denn eine Überzahl der Menschen heute ist des Sprechens
kaum mehr mächtig, sie äußern sich in den Phrasen
der Zeitungen und öffentlichen Medien und sagen, ohne wirklich
dasselbe zu sein, mehr und mehr dasselbe. Nur durch Verwandlung
in dem extremen Sinn, in dem das Wort hier gebraucht wird, wäre
es möglich zu fühlen, was ein Mensch hinter seinen Worten
ist, der wirkliche Bestand dessen, was an Lebendem da ist, wäre
auf keine andere Weise zu erfassen. Es ist ein geheimnisvoller,
in seiner Natur noch kaum untersuchter Prozeß und doch ist
es der einzige wahre Zugang zum anderen Menschen." (GW 285
f.)
Dies ist also der eine Sinn der 'Verwandlung': Aufhebung
einer spezialisierenden Arbeitsteilung, die alles Individuelle
zu töten droht, bis die Menschen kaum sich mehr ausdrücken
in dem, was sie tun und sagen, austauschbar werden in der Schablonenhaftigkeit
ihres Daseins, die sie kaum zu sich, noch weniger zu anderen kommen
läßt. Lebendigkeit ist für Canetti eins mit der
Einzigartigkeit des Individuellen; die Erfahrung des Lebendigen
ist ihm mehr als verstehende Einfühlung oder psychologische
Empathie: Verwandlung eben, es gibt kein stärkeres Wort für
diesen Prozeß wechselseitiger Einverleibung und Vervielfältigung
des Individuellen.
Die zweite Forderung an den Dichter als den "Hüter der
Verwandlung" betrifft seine Aufgabe,
"sich das literarische Erbe der Menschheit zu
eigen (zu) machen, das an Verwandlungen reich ist." (GW 283)
Als zwei der wichtigsten Werke der Weltliteratur,
die den "eigentlichsten und rätselhaftesten Aspekt des
Menschen, die Gabe der Verwandlung nämlich" darstellen,
nennt Canetti zwei "Grundbücher der Antike":
'"ein spätes: die Metamorphosen des Ovid, eine beinahe
systematische Versammlung aller damals bekannten, mythischen,
'höheren' Verwandlungen, und ein frühes, die Odyssee,
in der es besonders um die abenteuerlichen Verwandlungen eines
Menschen, eben des Odysseus, ging" (GW 284).
Und nun kommt Canetti auf den für sein Leben wichtigsten
Mythos zu sprechen. In der "Fackel im Ohr", dem zweiten
Band seiner Lebensgeschichte, beschreibt er, wie er auf ihn gestoßen
ist. Ein Schauspieler in Frankfurt, Carl Ebert, war der Vermittler.
"In einer Sonntagsmatinee sollte er ein Werk
vorlesen, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Es war
älter als die Bibel, ein babylonisches Epos. Ich wußte,
daß es bei den Babyloniern eine Sintflut gab, es hieß,
daß die Legende von dort in die Bibel gewandert war. Das
war alles, was ich zu erwarten imstande war, und dafür alleine
wäre ich nie hingegangen, aber es war Carl Ebert, der las,
und so bin ich aus Schwärmerei für einen sehr liebenswerten
Schauspieler an Gilgamesch geraten, der mein Leben, seinen innersten
Sinn, Glauben, Kraft und Erwartung wie nichts anderes bestimmt
hat." (FO 51)
Gilganesch: das ist jener König der Doppelstadt
Uruk-Kullab in dem zwischen Euphrat und Tigris gelegenen Lande
der Sumerer, der um 26oo vor Christus gelebt haben soll; um ihn
ranken sich sagenhafte und mythische Erzählungen. Gegen Ende
des zweiten vorchristlichen Jahrtausends wurden sie in ihre kanonische
Form gebracht, das sogenannte Zwölftafel-Epos, das in einer
Fassung des Königs Assurbanibal erhalten ist, der sie um
65o v. Chr. für seine Bibliothek im assyrischen Ninive anfertigen
ließ.
"Herrlich haben die Götter Gilgamesch geschaffen:
groß ist sein Wuchs, unbändig seine Kraft. Zu zwei
Dritteln ist er Gott, zu einem Drittel Mensch. Despotisch ist
seine Herrschaft in Uruk: die Männer stöhnen unter der
harten Fron beim Bau der Stadtmauer; bei den Frauen beansprucht
er stolz sein Herrscherrecht auf den Beischlaf; er trotzt dem
Volke. Das klagt den Göttern und fordert Hilfe; da schaffen
sie Enkidu, den gewaltigen Tiermenschen, der frißt mit den
Gazellen das Gras, der drängt mit dem Wilde zur Tränke:
dieser soll streiten mit Gilgamesch, damit Uruk sich erhole. Eine
Tempeldirne lockt Enkidu von den Tieren weg, führt ihn Gilgamesch
zu. Die beiden Männer messen ihre Kräfte im Streite,
sie versöhnen sich und schließen Freundschaft. Nun
ziehen sie gemeinsam gegen den dämonischen König des
Zedernwaldes, Humbaba, dessen "Brüllen Sintflut, dessen
Rachen Feuer und dessen Hauch der Tod ist", wie es in dem
Epos heißt. Sie fällen die heilige Zeder, überwältigen
Humbaba und töten ihn. Sie erlegen den Himmelsstier, den
die eifersüchtige Göttin der Liebe, die Gilgamesch zum
Manne begehrte, gegen sie senden läßt; doch wird Enkiddu
als Strafe für die Tötung Humbabas und des Himelsstiers
der Tod angekündigt. Er fällt in eine schwere Krankheit
und stirbt, von Gilgmesch heftig beklagt und betrauert.
"Um ihn hab ich Tag und Nacht geweint,
Ich gab nicht zu, daß man ihn begrübe
-
Ob mein Freund nicht doch aufstünde
von meinem Geschrei -
Sieben Tage und sieben Nächte.
Bis daß der Wurm sein Gesicht befiel.
Seit er dahin ist, fand ich das Leben nicht,
Strich umher wie ein Räuber inmitten
der Steppe." (FO 51)
Elias Canetti zitiert diese Klage des Gilgamesch
um seinen Freund Enkidu in seiner Autobiographie und schreibt
dazu weiter:
"Und nun folgt seine Unternehmen gegen den Tod, die Wanderung
durch die Finsternisse des Himmelsberges und die Überquerung
der Gewässer des Todes zu seinem Ahn Utnapischtim, der von
der Sintflut errettet, dem von den Göttern Unsterblichkeit
verliehen wurde. Von ihm will er erfahren, wie er zum ewigen Leben
gelangt. - Es ist wahr, daß Gilgamesch scheitert und daß
er selbst auch stirbt. Aber das bestärkt einen nur im Gefühl
von der Notwendigkeit seines Unternehmens." (FO 51)
Die Gewißheit des Scheiterns ist kein Argument
gegen den Wert, ja die Notwendigkeit eines Kampfes gegen den Tod:
dieser gigantische Trotz des Gilgmesch ist es, der Canetti am
meisten fasziniert. Dessen Klage und Kampf ist ihm "eine
ungeheure Konfrontation mit dem Tod, die einzige, die den modernen
Menschen nicht mit dem bitteren Nachgeschmack des Selbstbetrugs
entläßt." (GdW 284)
In der Aufnahme des Mythologischen in das moderne
Bewußtsein geht es Canetti um mehr als die Verwaltung eines
kulturellen Erbes, um mehr sogar als die Einübung einer anthropologischen
Fähigkeit: der Metamorphose; es geht um eine fundamentale
Auseinandersetzung mit etwas, das Canetti wiederholt als den "Feind
der Menschheit" bezeichnet: um den Tod. Daß er nicht
nachläßt in der Klage, sich nicht beirren läßt
in der Suche nach Unsterblichkeit, daß er sich mit der Tatsache
des Todes nicht abfinden, seine Macht nicht anerkennen will: das
macht Gilgamesch für Canetti wichtig, zum Vorbild und Geistesverwandten
in dieser ihm wichtigsten Frage. Nicht um eine blinde Leugnung
der Tatsache des Sterbenmüssens geht es dabei, sondern um
die Weigerung, dieser Tatsache einen Sinn zu geben, sich durch
religiöse oder metaphysische Tröstungen mit ihr abzufinden,
ihr durch eine transzendente Erhöhung den Stachel der "Enormität"
zu nehmen . Religiösen Glauben weist Canetti hier ab, aber
auch die sogenannten rationalen Argumente; er sagt einmal, daß
er in dieser Frage, der des Todes, unter allen Denkern nur Gegner
gefunden habe. Die Mythologie ist deshalb für Canetti das
wesentliche Bezugsfeld seiner anthropologischen Anschauungen und
poetischen Produktion, weil sie ihre Gestaltenbildung und ihre
Handlungen in einem Raum jenseits von rationaler oder religiöser
Sinngebung ansiedelt; weil sie Träume der Menschheit bewahrt,
ohne sie vernünftig oder theologisch zu rechtfertigen. Über
die Bedeutung insbesondere des Gilgamesch-Epos für sein Leben
und Werk schreibt Canetti:
"Die Wirkung eines Mythus habe ich auf diese
Weise an mir erfahren: als etwas, das ich im halben Jahrhundert,
das seither verflossen ist (seit er im Alter vcn siebzehn Jahren
auf Gilgamesch gestoßen ist), auf viele Arten bedacht und
in mir hin und her gewendet, aber nicht einmal ernsthaft
bezweifelt habe. Als Einheit habe ich aufgenommen , was in mir
Einheit geblieben ist. Ich kann daran nicht mäkeln. Die Frage,
ob ich eine solche Geschichte glaube, trifft mich nicht,
wie soll ich angesichts der eigentlichsten Substanz, aus der ich
bestehe, entscheiden, ob ich an sie glaube. Es geht nicht darum,
wie ein Papagei zu wiederholen, daß alle Menschen bis heute
gestorben sind, es geht nur darum, zu entscheiden, ob man den
Tod willig hinnimmt oder sich gegen ihn empört. Ein
Recht auf Glanz, Reichtum, Elend und Verzweiflung aller Erfahrung
habe ich mir durch die Empörung gegen den Tod erworben. In
diesem endlosen Aufstand habe ich gelebt. Und wenn der Schmerz
um meine Nächsten, die ich im Lauf der Zeit verlor, nicht
geringer war als der des Gilgamesch um seinen Freund Enkidu, so
habe ich doch eines, ein einziges vor ihm voraus: daß es
mir um das Leben jedes Menschen und nicht nur um das meiner
Nächsten geht." (FO 11)
Canetti haßt den Tod. Aus diesem Haß
bezieht er die Rechtfertigung seiner poetischen Existenz; hier
ist das affektive Zentrum seiner dramatischen, erzählerischen,
aphoristischen und essayistischen Produktion, und hier liegt der
Grund für seinen Stolz, zur Gattung der Menschheit zu gehören,
einen Stolz, den er trotz der ihr zugestandenen Schlechtigkeit
für sie empfindet.
Am Anfang der Geschichte seiner Jugend "Die gerettete Zunge",
schreibt Canetti:
"Es gibt wenig Schlechtes, was ich vom Menschen
wie der Menschheit nicht zu sagen hätte. Und doch ist mein
Stolz auf sie noch inmer so groß, daß ich mir eines
wirklich hasse: ihren Feind, den Tod." (GZ 11)
Canetti sieht den Sinn seines Lebenswerkes in dem
Kampf gegen diesen Feind. Die Faktizität des Todes will er
aushalten, ohne der Verführung zu verfallen, ihr einen positiven
Sinn abzulocken, ohne ihm, wie er auch sagt, zu schmeicheln. Er
ist sich im klaren darüber, daß er dabei gegen ein
fundamentales Bedürfnis des Menschen anarbeitet, das sich
nach Tröstungen sehnt, das den Tod eher erträgt als
die Sinnlosigkeit. Hier ist Canetti unbarmherzig, nicht zu beschwichtigen.
"Man muß den Menschen fassen, wie er ist,
hart und unerlöst. Man darf ihm aber nicht erlauben, sich
an der Hoffnung zu vergreifen. Nur aus der schwärzesten Kenntnis
darf die Hoffnung fließen, sonst wird sie zum höhnischen
Aberglauben und beschleunigt den Untergang, der näher und
näher droht" (PM 2o9),
heißt es in den "Aufzeichnungen 1942 bis
1972", die Canetti betitelt hat "Die Provinz des Menschen",
und ebenfalls dort erklärt er:
"Immer fragt man dich, was du denn meinst, wenn
du den Tod beschimpfst. Man will die billigen Hoffnungen von dir,
die in den Religionen bis zum Überdruß abgespult werden.
Ich weiß aber nichts. Ich habe nichts darüber zu sagen.Mein
Charakter, mein Stolz besteht darin, daß ich dem Tod noch
nie geschmeichelt habe. Wie jeder hab ich ihn mir manchmal
gewünscht, aber kein Mensch hat je ein Lob des Todes von
mir vernommen, keiner kann sagen, daß ich den Nacken vor
ihm gebeugt, daß ich ihn anerkannt oder bereinigt habe.
Er scheint mir so nichtsnutzig und böse wie je, das Grundübel
alles Bestehenden, das Ungelöste und Unverständliche,
der Knoten, in dem alles von jeher geschürzt und verfangen
ist und den niemand zu zerhauen gewagt hat." (PM 143)
Dies ist der Grundwiderspruch Canettis gegen die
mephistophelische Ansicht, daß alles, was entsteht, wert
sei, zugrunde zu gehen: kein Argument, sondern sein Charakter,
keine Ansicht, die zur diskursiven Disposition stünde, sondern
ein fundamentaler Affekt und eine Grundhaltung, die sich nicht
weiter rechtfertigen, nur behaupten und leben läßt.
Man kann Canettis Werk, das aus dieser Haltung entstanden ist,
als eine einzige große Klage lesen - und Klage und Widerstand
sind ihm eins - als eine Anklage aus der Trauer, die sich niemals
abfindet mit dem Verlust von Leben und gar der Überlebens-Notwendigkeit,
Leben zu vernichten. Grund der Klage sind Schuld und Scham des
Überlebenden.
"Mit der wachsenden Einsicht, daß wir
auf einem Haufen von Toten sitzen, Menschen und Tieren, daß
unser Selbstgefühl seine eigentliche Nahrung aus der Summe
derer bezieht, die wir überlebt haben, mit dieser rapid um
sich greifenden Einsicht wird es auch schwerer möglich, zu
einer Lösung zu kommen, derer man sich nicht schämt.
Es ist umöglich, sich vom Leben abzuwenden, dessen Wert und
Erwartung man immer fühlt. Aber es ist auch unmöglich,
nicht vom Tode der anderen Geschöpfe zu leben, deren Wert
und Erwartung nicht geringer sind als die unsern.
Das Glück, sich auf die Ferne zu beziehen, von dem alle überkommmenen
Religionen zehren, kann unser Glück nicht mehr sein.
Das Jenseits ist in uns: eine schwerwiegende Erkenntnis, aber
in uns ist es gefangen. Dies ist die große und unlösbare
Zerklüftung des modernen Menschen: Denn in uns ist auch das
Massengrab der Geschöpfe." (PM 183)
Das ist düster, das Düsterste vielleicht,
was je gedacht wurde. Und doch scheint Canetti für sich eine
Lösung gefunden zu haben, "deren er sich nicht schämt":
das ist seine Idee der literarischen Unsterblichkeit. Auf
dem Wege zu seinem, wie er es nennt,
"ganz konkreten und ernsthaften, dem eingestandenen Ziel
meines Lebens, die Erlangung der Unsterblichkeit für die
Menschen" (PM 45) - und nicht etwa für sich - stößt
Canetti auf die Literatur, die ihm die Möglichkeit bedeutet,
individuelle Gestalten als lebendige zu verewigen. Dies ist einmal
der Sim seiner Autobiographie: Menschen, die Canetti gekannt hat,
die im Laufe seines Lebem in ihn eingegangen sind, werden dort
literarisch aufbewahrt für das Gedächtnis der Menschheit.
Dies gilt aber auch für den großen Roman "Die
Blendung" und für Canettis Dramen, in denen die grotesk
einseitig gezeichneten Figuren trotz ihrer Untergangsverfallenheit
für die Vielfalt des Lebendigen stehen. Besonders in Canettis
Dramen wird deutlich, daß die Schlechtigkeit der Menschen
- und sie werden als abgrundtief böse dargestellt, triebhaft
und berechnend, geil und mordgierig, besitzergreifend und habsüchtig
- daß ihre ganze Schlechtigkeit den Tod nicht rechtfertigt,
dem sie ausgeliefert sind; im Gegenteil: es ist der Tod, der sie
so schlecht macht, besonders da er dazu verführt,
auf den Tod anderer zu spekulieren.
Canetti hat immer wieder betont, daß man seine
Dramen hören müsse: auf den moralischen Gehalt
hin gelesen, könnte der Tod als eine gerechte Strafe erscheinen,
die die Bösen am Ende erreicht; vorgelesen jedoch,
und besonders von Canetti selbst vorgelesen, überwiegt der
Eindruck der lebendigen Vielfalt der "akustischen Masken",
wie Canetti seine dramatischen Figuren genannt hat, und ihr Untergang
bekommt eine unabweisbare Tragik, erregt Schrecken und Mitleid.
Deutlich sind, in der Präsentation Canettis, die 'akustischen
Masken' hörbar, individuell verlebendigte Gestalten, deren
Vielfalt und Prägnanz vor allem eines auszudrücken scheinen:
eine unbeirrbare Liebe zu der Einzigartigkeit lebendiger Geschöpfe.
Als Canetti die 'Hochzeit' das erstemal vorlas, 1933 in Wien,
nannte der expressionistische Schriftsteller Franz Werfel, der
Canetti nicht mochte, diesen einen "Tierstimmenimitator".
Mitten in die Vorlesung rief er es hinein; Canetti schreibt dazu
im dritten Teil seiner Lebensbeschreibung "Das Augenspiel":
"Er hielt das für einen Schimpf, gröber, rücksichtsloser,
störender hätte es gar nicht kommen können, er
wollte es mir unmöglich machen, weiterzulesen, aber er hatte
die gegenteilige Wirkung, das war es ja genau, was ich vorhatte,
jede Figur sollte gegen die andere so klar abgesetzt sein wie
ein besonderes Tier und an ihren Stimmen sollte es zu erkennen
sein, die Geschiedenheit der Tiere übertrug ich in die Welt
der Stimmen, und es traf mich, als ich seine Beschimpfung aufnahm,
wie der Blitz, daß er etwas Richtiges erkannt hatte."
(A 135)
Als das Drama 1965 in Braunschweig uraufgeführt wurde, führte
das zu einer Strafanzeige wegen "Erregung geschlechtlichen
Ärgernisses". Doch bei aller moralischen Schlechtigkeit
der dargestellten Figuren sind es doch lebendige Wesen, die Canetti
hier gestaltet hat, und die Trauer des Autors um den unvermeidlichen
Tod seiner Figuren ist, in seiner Lesung, nicht zu überhören.
Hier setzt Canetti, als Dichter wie als Interpret,
seine Verwandlungsfähigkeit ein, die enorme Plastizität
seines stimmlichen Ausdrucks und die genau beobachtete, prägnantee
Individualität seiner Gestalten, im Kampf
gegen die Macht des Todes, als Klage und Widerstand
in der literarischen Anklage gegen den Hauptschuldigen allen menschlichen
Übels.
"Wir müssen böse sein, weil wir wissen,
daß wir sterben müssen" (PM 144),
sagt Canetti in den "Aufzeichnungen" und
daß es nur einen Ausweg gebe, eine Möglichkeit, das
Leben zu ertragen im Bewußtsein, daß andere sterben
müssen, damit wir leben können, die des Dichters und
Biographen:
"..., indem er seinen Toten sein eigenes Leben leiht, es
nie verliert und sie verewigt." (PM 211)
Es ist eine durchaus magische Seite der Erinnerungs-
und Dasstellungsarbeit, die Canetti hier in Anspruch nimmt: er
glaubt an die Kraft der Schrift, der Literatur, Leben zu bewahren
in der Gestaltung, Individualitäten zu retten vor dem Verfall
und dem Vergessen. Hier sieht er den Sinn seiner literarischen
Werke, vor allem aber seiner Autobiographie: Menschen zu verewigen,
mit denen er gelebt hat.
In einem Interview aus dem Jahre 1980 sagt Elias
Canetti:
"Heute verstehe ich, daß ich mit (meinen) Büchern
den Tod herausgefordert habe, meinen eigenen md den der anderen.
Die Menschen, die ich liebte, meine Eltern, den Bruder Georg,
aber auch jene, die ich nicht mochte, werden noch einmal leben,
solange man mich lesen wird. Ich habe eine unsagbare Freude, wenn
ich denke, daß sie sich außer mir bewegen, sprechen,
leben."
Siglen
GZ: Elias Canetti, Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend.
Frankfurt/M 1983 (Fischer Tb)
MM: Elias Canetti, Masse und Macht. Düsseldorf 1978
GW: Elias Canetti, Das Gewissen der Worte. Essays. Frankfurt/M.
1982 (Fischer Tb)
FO: Elias Canetti, Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921 -
1931. Frankfurt/M. 1983 (Fischer Tb)
PM: Elias Canetti, Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942
- 1972. Frankfurt/m. 1981 (Fischer Tb)
A: Elias Canetti, Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937.
München 1985.
Anmerkung
1) Raphael Sorin: Elias Canetti l'irréductible. Entretien
avec Elias Canetti. In: Le Monde, 13. Juni 198o. Zitiert (und
übersetzt) von Gerald Sieg in: G.St., Betrachtungen zu Elias
Canettis Autobiographie. In: Manfred Durzak (Hg.), Interpretationen
zu Elias Canetti. Stuttgart 1983, S. 159.
(Tonaufnahmen "Canetti liest Canetti:
Hochzeit" gibt es vom Westdeutschen Rundfunk Köln 1974;
2 Kassetten: Carl Hanser Verlag München/Wien 1981)
mehr zu Elias Canetti
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