Harry Timmermann
AUFKLÄRUNG ALS ERHEITERUNG
Der Satiriker und Märchendichter
Johann Karl August Musäus
Sein Name klingt,
als stamme er aus sagenhafter Vorwelt: MUSÄUS .
Man denkt an Weisheit, weiße Magie oder einen
göttlich inspirierten uralten Mythenerzähler. Tatsächlich
ist aus dem griechischen Altertum ein Orakeldichter dieses Namens
bekannt; doch stammt der, von dem hier die Rede sein soll, sicher
nicht von ihm ab. Auch die Verwandtschaft mit den griechischen
Göttinnen der Künste und Wissenschaften wurde unserem
Dichter abgesprochen:
"Anders sagen die Musen, und anders sagt es Musäus",
1
hatte der junge Goethe gewitzelt, der ihn nicht mochte.
Und schließlich gehört er auch nicht ins literarhistorische
'Museum", von wo aus er in das Licht gegenwärtiger Lesefreuden
geholt zu werden verdient. Nein, der Name "Musäus"
verweist weder auf mythisch-prophetische Sehergabe noch auf genial-begnadetes
Dichterschöpfertum und auch nicht auf ein bloß bewahrenswertes
Kulturgut; seine ethymologische Herkunft deutet in eine andere
Richtung. Es soll sich nämlich um eine Latinisierung des
sorbischen 'Mußlich" handeln, was nach einem wendischen
Wörterbuch soviel bedeutet wie
"einen Mann, der sinnreich, klug und verständig
ist und alles wohl überlegt". 2
Einen Aufklärer also, einen denkenden Kopf und
vernünftig handelnden Menschen, der es zudem versteht, sich
und seine Ansichten verständig und verbindlich darzustellen.
Damit sind wir schon näher bei Johann Karl August, dem -
zu seiner Zeit - populären Kritiker von Empfindelei und kraftgenialem
Gebaren, von Aberglauben und kirchlicher Intoleranz.
Geboren wurde er am 29. März 1735, als einziger
Sohn des Fürstlich Sachsen-Eisenachischen Amtskomissarius
und Landrichters Johann Christoph Musäus in Jena. Von dort
kam er mit neun Jahren zu seinem Onkel, dem Superintendenten Weißenborn
nach Allstedt, später mit diesem nach Eisenach, wo sein Vater
Justiz- und Oberamtmann wurde. Bei diesem Onkel genoß der
Knabe eine strenge christliche Erziehung; es wird berichtet:
"Er hatte täglich seinen vollen Napf heilsamer
Katechimmusmilch zu leeren und verkäuete dazu den Pumpernickel
lateinischer Sprüchwörter, oder die Kartoffelmast aus
dem Vokabeltroge". 3
Schon während seines Theologiestudiumns in Jena
vertiefte er sich leidenschaftlich in die zeitgenössische
schöne Literatur; doch wollte er dann zunächst Pfarrer
werden wie die meisten seiner zum Teil berühmten - Vorfahren.
Aber die Bauern des Dorfes Farrnroda bei Eisenach, wo ihm eine
Planstelle angeboten wurde, erwischten den jungen Kandidaten beim
Schwof auf der Dorfkirmes und protestierten, wollten ihn nicht
als Oberhirten. Dem Pfarramtsanwärter war die theologische
Karriere hinfort verleidet; er sattelte um und wurde Philologe.
Der Tanz des Theologen ist denn auch schon die einzige
Unregelmäßigkeit, die aus dem Leben des Musäus
bekannt ist. 1763 bekam er eine Anstellung als Pagenhofmeister
in Weimar; sechs Jahre später ernannte ihn die Herzogin Anna
Amalia zum Professor an Gymnasium. Lange vor Wieland, Goethe und
Herder hatte Musäus also in Weimar eine geachtete Position;
später lebte er neben den Großen der Weimarer Klassik
her, die ihn kannten, ohne jedoch sonderlich von ihm Notiz zu
nehmen. Musäus heiratete, bekam zwei Söhne und scheint
sich für den Rest seines Lebens nur noch für seine Familie,
Literatur und seinen Garten interessiert zu haben, zu dem die
Herzogin ein Sommerhäuschen, sein"kleines Feenschloß",
wie er es nannte, ausgestattet hatte. Auf diesem Grundstück
- bezahlt von dem Schriftstellerhonorar besonders des ersten Bandes
der "Volksmärchen" lebte Musäus eine bürgerlich-behagliche
Rokokoidylle, die genußfrohe Lebensweise eines Menschen,
den die nahe höfische Machtsphäre als solche nicht reizte.
Nur wenn es um das Vergnügen ging, dem herzoglichen Liebhabertheater
beizuwohnen oder gar eine kleine Rolle zu übernehmen, nahm
er am Hofleben teil. Ehrgeiz scheint Musäus nur in dem einen
Punkt entwickelt zu haben, allen inneren und äußeren
Anfechtungen des Lebens mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.
In den letzten Jahren seines Lebens - er starb im Herbst
1787 - führte Musäus ein "Gartenjournal" über
alle dort verlebten Tage. Hier verzeichnet er seine Besuche: der
Buchhändler und Schriftsteller Friedrich Nicolai, der Dichter
Gottfried August Bürger, die Kammersängerin Corona Schröter,
der Herzog Carl August, Goethe und Lavater gehören zu seinen
Gästen. Und hier beschreibt er mit einer beispiellosen Genauigkeit
die tägliche Witterung, begrüßt jeden Sonnenstrahl,
freut sich über jede neue Blüte.
Und dabei ist der praktizierende Idylliker schriftstellerisch
zuerst mit Satiren hervorgetreten, Angriffen auf herrschende Literaturmoden
und Verhaltensweisen. Vermutlich noch in den letzten Jenaer Studentenjahren
begonnen, erscheint 176o-62 anonym ein umfangreicher Roman "Grandison
der Zweite", in dem Musäus das Werk des englischen Buchhändlers
Samuel Richardson "Sir Charles Grandison" zur Vorlage
einer Parodie im Stile des "Don Quijote" des Cervantes
benutzt. Dabei geht es Musäus nicht in erster Linie um eine
Verspottung dieses Romans selbst, sondern um die deutschen Nachahmer
und deren schwärmerische Begeisterung für die Tugendhelden
des Richardson, denen sie nachzuleben strebten. Für Deutschland
ist es ein Novum, daß mit den Mitteln des Romans
der Einfluß dieser Gattung auf die Verwirrung von angelesenen
Idealen und Wirklichkeit gegeißelt wird; Musäus steht
hier überhaupt am Anfang einer eigenständigen deutschen
Romanentwicklung.
Im "Don Quijote" ist es die Lektüre
von Ritterromanen, die die Phantasie eines edlen Landjunkers so
sehr beflügelt, daß dieser glaubt, selbst zum "fahrenden
Ritter"berufen zu sein, und kein noch so handfestes Abenteuer
in der Realität kann ihn von diesem Glauben abbringen. Der
"zweite Grandison" des Musäus steigert sich so
in den Charakter des penetrant guten Christen und Gentleman in
Richardsons Roman hinein, daß er darüber fast den Verstand
verliert. Spottlustige Verwandte bestärken ihn so in dem
Wahn, daß die Personen des Briefromans reale Gestalten seien,
daß er, zusammen mit einem gleich gläubigen Hauslehrer,
eine umfangreiche Korrespondenz mit ihnen aufninnt, was zu allerlei
kleinlichen Nachäffereien, komischen Verwicklungen und lächerlichen
Situationen führt. Die didaktische Absicht des Romans ist
klar: Warnung vor schwärmerischer Idealisierung und Realitätsverlust,
doch wird diese aufklärerische Absicht nicht in erster Linie
durch moralische Reflexionen vertreten, sondern eben in einer
- wenn auch etwas langatmigen - Parodie dargestellt. Musäus
hat diesen ersten komisch-satirischen Roman Deutschlands übrigens
zwanzig Jahre später wesentlich gestrafft und umgestaltet
und unter dem Titel "Der deutsche Grandison, auch eine Familiengeschichte"
neu herausgegeben.
Inzwischen hatte sich die literarische Szene Deutschlands,
und besonders in Weimar, gründlich geändert. 1772 war
Christoph Martin Wieland als Prinzenerzieher an den Weimarer Hof
gekommen; er erweist sich in seinem Werk noch als ein Geistesverwandter
des Musäus. Doch als 1775 der Verfasser von 'Werthers Leiden"
, das ungekrönte Haupt der Geniebewegung, als Freund des
jungen Herzogs nach Weimar kam - in seinem Gefolge Johann Gottfried
Herder als Generalsuperintenent und Hofprediger und die Sturm-und-Drang-Dramatiker
Lenz und Klinger - da war eine neue Epoche angebrochen, die Musäus
nicht mehr verstand. Für ihn waren die Neuankömmlinge
wohl vor allem Rowdys, die die Stadt verunsicherten. Musäus
wird zwar niemals aggressiv, doch macht er sich gutmutig-spöttelnd
über sie lustig, wo es die literarische Gelegenheit ermöglicht.
So etwa bei seiner Charakterisierung des Rübezahl in den
"Volksmärchen der Deutschen":
"Freund Rübezahl, sollt ihr wissen, ist geartet
wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar; bengelhaft,
roh, unbescheiden; stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste
Freund, morgen fremd und kalt; zu Zeiten gutmütig, edel,
und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch; albern
und weise, oft weich und hart in zween Augenblicken, wie ein Ei,
das in siedend Wasser fällt; schalkhaft und bieder, störrisch
und beugsam; nach der Stimmung wie ihn Humor und innrer Drang
beim ersten Anblick jedes Ding ergreifen läßt"4.
Nicht gerade als Wüstlinge, aber doch als recht
unsichere Gesellen scheint Musäus die jungen Literaten wahrgenommen
zu haben, doch reagiert er auf sie niemals spießig-ablehnend,
sondern antwortet wie auf alles, was die heitere Rokokoidylle
bedrohen könnte: mit humoristischer Parodie und gänzlich
unsarkastischer Satire. In der Erzählung "Melechsala"
im letzten Band der "Volksmärchen der Deutschen' beschreibt
Musäus die Gartenanstalten eines fränkischen Kreuzzugsritters,
der im Orient gefangengehalten und vom Sultan beauftragt wird,
einen Garten im Stil seiner Heimat für die europhile Sultanstochter
anzulegen: etwa so muß Musäus sich das vorgestellt
haben, was die Stürmer und Dränger wohl mit seinem geliebten
Garten machen würden, ließe er sie dort frei schalten.
"Er legte auf gut Glück, ohne Plan, die Arbeiten
an, verfuhr mit dem wohlgeordneten, schattenreichen Park, wie
ein Kraftgenie mit einem veralteten Autor, der in seine schöpferischen
Klauen fällt, und sich ohne Dank und Willen muß modernisieren,
das heißt, wieder lesbar und genießbar machen lassen,
oder wie ein neuer Pädagog, mit der alten Lehrform der Schulen.
Er warf bunt durcheinander, was er vorfand, machte alles anders
und nichts besser. Die nutzbaren Fruchtbäume rodete er aus,
und pflante Rosmarin und Baldrian, auch ausländische Hölzer,
und geruchlose Amaranten und Sammetblumen an ihre Stelle. Das
gute Erdreich ließ er ausstechen, und den nackten Boden
mit buntfarbigem Kies überführen, welchen er sorgfältig
feststampfen und ebnen ließ, wie eine Dreschtenne, daß
kein Gräslein darinne wurzeln konnte. Den ganzen Platz schied
er in mancherlei Terrassen, die er mit einem Rasensaum umfaßte,
und zwischendurch schlängelten sich wunderbar gewundene Blumenbette,
in mancherlei grotesken Figuren, die in einen stinkenden Buchsbaumschnörkel
ausliefen. Weil auch der Graf, vermöge seiner botanischen
Unkunde, die Zeit zu säen und zu pflanzen nicht in Obacht
nahm: so schwebte seine Gartenanstalt lange Zeit zwischen Tod
und Leben...' . 5
Diese morbid-artifizielle Kunstveranstaltung eines
fränkischen Chaos-Gartens läßt diesen gerade nicht
als ein Refugium reiner und ursprünglicher Natur erscheinen
- wie die "Kraftgenies", die Verkünder eines neuen
Natur-Kultus, sich selbst gern sahen - eher schon sieht er aus
wie ein Modell wildgewordener Zivilisation.
Wo Musäus satirisch wird, da verhält sich
die satirische Aggression zur heiteren Idylle wie die Stacheln
des Igels zu diesem selber: sie sticht ein wenig nach außen,
um Inneres, Eigenes zu schätzen und zu bewahren. Ziel der
spöttischen Angriffe sind dabei immer wieder die Verwirrung
von Einbildungskraft und Verstand im Kultus der empfindsamen Herzensangelegenheiten,
der "neuen Subjektivität" seiner Epoche, und der
himmelstürmende Enthusiasmus des Geniekults. Dabei wird den
Gefühlen durchaus ein eigenständiges Recht zugebilligt,
doch macht Musäus deutlich den Einspruch prosaischer Realität
geltend.
"...ich hab's an mir selbst erfahren"
berichtet der treuherzige Held des Romans "Physiognomische
Reisen" ,
"daß Seelenpoeterey, Réverie, Empfindsamkeit,
süße Schwärmerey, oder wie man sonst die Äußerungen
lebhafter Herzensgefühle nennen mag, das herrlichste Ding
in der Welt sind, wenn man sich satt gegessen hat, oder doch eben
keinen Hunger fühlt; neben einem leeren Magen aber können
sie in einem Leibe so wenig koexistiren, als zwei ganz heterogene
Gesichter in einem Zimmer". 6
Diese letzte Anspielung bezieht sich auf eine Äußerung
des Zürcher Pfarrers Johann Kaspar Lavater. Er hatte in seinen
"Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung der Menschenkenntnis
und Menschenliebe", die von 1775 bis 1778 in vier Bänden
erschienen waren, erzählt, daß ihm manchmal allein
durch den Anblick der Gesichtsform eines Besuchers dermaßen
unbehaglich wurde, daß er den Raum verlassen mußte.
Und dies nicht etwa, weil ihm der Besucher einfach unsympathisch
war, sondern weil Lavater meinte, aus Nase, Schädelform und
Körperbau eines Menschen eindeutig auf seine Charakteranlagen
schließen zu können. Seine "Fragmente", die
auf dieser Grundannahme basierten und sie zu einer wissenschaftlichen
Methode auszubilden versprachen, lösten in Europa eine wahre
Raserei für Physiognomik aus; man ließ sich silhouettieren,
reichte die Schattenrisse im Bekanntenkreis herum und versuchte,
intellektuelle und moralische Eigenschaften an Stirnhöhen
und Nasenlängen abzulesen. Hier traf das Interesse der Aufklärung
an wissenschaftlicher Anthropologie zusammen mit abergläubischen
Spekulationen und christlichem Glauben; denn die Annahme einer
Entsprechung zwischen Seele und Körper sei man, so Lavater,
dem Schöpfer schuldig, der doch die Menschen nach seinem
Bilde geschaffen habe. Diese neue Schwärmerei fuhrte zu mehr
oder weniger gelehrten Diskussionen um das Verhältnis von
Leib und Seele, Schönheit und tugend, Natur und Freiheit,
an der sich fast alle ten Philosophen und Literaten der Zeit beteiligten.
Hier wurden die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen ebenso
kritisiert wie die moralischen Konsequenzen. Gerade die Rationalisten,
an ihrer Spitze der Göttinger Physiker und Schriftsteller
Georg Christoph Lichtenberg - wiesen die Unwissenschaftlichkeit
der Physiognamik nach: Vom festen Knochenbau eines Menschen lasse
sich gar nichts schließen; allenfalls ließe sich von
den beweglichen Teilen des Körpers der Ausdruck eines Inneren
behaupten. Die moralischen Auswirkungen einer Schrift, die den
Untertitel "Zur Beförderung der Menschenkenntnis und
Menschenliebe" trägt, seien, so Lichtenberg, verheerend;
denn wo ernsthaft darüber diskutiert wird, ob der Kopf eines
Newton im Schädel eines Negers sitzen könne, da ist
menschenfeindlicher Rassismus nicht weit, und wo die Symmetrie
von Schönheit und Tugend behauptet wird, da sind körperlich
Mißgestaltete von vorneherein verurteilt. Musäus nun
teilt diese Kritik Lichtenbergs; er sendet aber keine Streitschrift
in die Debatte, sondern wieder einen Roman im Stile des Cervantes,
die "Physiognomischen Reisen'. Er schildert hier einen unbedarft
gläubigen Anhänger der Lavaterschen Lehre, der zu Hause
und in der Fremde immer wieder durch seine voreiligen Schlüsse
vom Körperbau auf den Charakter der ihm begegnenden Menschen
kräftig auf die Nase fällt und schließlich doch
zu der Einsicht gelangt, daß das System auf falschen Grundsätzen
beruhen müsse. So trifft der reisende Physiognornist etwa
auf einen Nachtwächter, den er aufgrund seiner äußeren
Form für einen genialen Dichter hält; im Gespräch
vertritt dieser - ein Sprachrohr des Verfassers - deutlich die
Lehren Lichtenbergs. Er nennt sich einen "Psychognomisten"
oder "Pneumatomanten", und sein junger Freund fragt:
"Was ist das?"
"Einer, dem die Gabe verliehen ist, die Geister
zu prüfen".
"Wie geschieht das?"
"Durch einen genauen Umgang, durch Aufmerksamkeit
auf Äußerungen, Handlungen und Tatsachen der Personen,
deren Charakter ich beurteilen will."
und der philosophische Nachtwächter empfiehlt
weiter, daß man den Dichter doch in den Gedichten und nicht
in den Gesichtslinien suchen soll.
Solche nützlichen Lehren werden vom zeitgenössischen
Publikum dankbar akzeptiert, zumal sie in einem unterhaltsamen
Roman stehen, der Satire und Parodie, Ironie und direkte Polemik
in einer angenehmen Mischung enthält. Die modische Physiognomik
ist nicht der einzige Angriffspunkt; Musäus mischt seinen
Spott über das wirre Durcheinander von philanthropischen
Erziehungsgrundsätzen mit ein, parodiert den kraftmeiernden
Stil der Stürmer und Dränger, macht sich über die
Teufelsaustreibungen katholischer Klosterbrüder und die Lebenselexiere
französischer und italienischer Abenteurer lustig, über
Wunderkuren und Klopstockkultus: kurz, es handelt sich um ein
großes Buch der Aufklärung gegen den Aberglauben und
den Obskurantismus der Zeit.
Heutigen Lesern ist Musäus vor allem als der Verfasser
der 'Volksmärchen der Deutschen" bekannt, einer Sammlung
von Erzählungen, deren Stoffe er sich aus Chroniken, Legenden,
Sagen und eigentlichen Märchen aus dem Volk zusammensuchte,
um sie nach seiner Manier umzugestalten. Wie er an manche Stoffe
herankam, beschreibt sein Neffe Kotzebue, der Herausgeber der
nachgelassenen Schriften des Musäus:
"Wenigen aber ist es vielleicht bekannt, daß,
als er den Gedanken faßte, Volksmärchen der Deutschen
zu schreiben, er wirklich eine Menge alter Weiber mit ihren Spinnrädern
um sich her versammelte, sich in ihre Mitte setzte und von ihnen
mit ekelhafter Geschwätzigkeit verplaudern ließ, was
er hernach so reizend nachplauderte. Auch Kinder rief er oft von
der Straße hinauf, wurde mit ihnen zum Kinde, ließ
sich Märchen erzählen und bezahlte jedes Märchen
mit einem Dreier. Eines Abends kam seine Frau von einem Besuche
zurück. Als sie die Tür des Zimers öffnete, dampfte
ihr eine Wolke von schlechtem Tabak entgegen, und sie erblickte
durch diesen Nebel ihren Mann am Ofen sitzend, neben einem alten
Soldaten, der sein kurzes Pfeifchen zwischen den Zähnen hielt,
tapfer drauflos schmauchte und ihm Märchen erzählte."
Musäus wußte, daß er in Deutschland
der erste war, der eine solche Sammlung vorlegte. Als eifriger
Kritiker der deutschen Literatur - er hatte in der "Allgemeinen
Deutschen Bibliothek", dem von Friedrich Nicolai in Berlin
herausgegebenen Hauptorgan der Berliner Aufklärung, seit
1766 über vierhundert Rezensionen verfaßt - wußte
Musäus auch, was die literarische Stunde geschlagen hatte.
"Seine liebe Frau meinte auch, daß es ein
ganz lukrativer Artikel werden könnte",
schreibt Kotzebue; zudem lockte das Gartengrundstück,
zu dem man Geld benötigte, und so machte sich der Erzähler
ans Werk. Da es für einen Aufklärer aber zunächst
verwunderlich wirken mußte, daß er sich mit solch
dubiosen Stoffen wie Märchen und Sagen abgab, setzt Musäus
in einer Vorrede an, seine Bearbeitungen zu rechtfertigen.
"Meiner unvorgreiflichen Meinung nach wär's
wohl Zeit, die Herzgefühle eine Zeitlang ruhen zu lassen,
das weinerliche Adagio der Empfindsamkeit zu endigen, und durch
die Zauberlatern der Phantasie das ennüyierte Publikum eine
Zeitlang mit dem schönen Schattenspiel an der Wand zu unterhalten"10.
Das freie Spiel der Phantasie soll als Palliativ wirken
gegen Langeweile und Melancholie, als Erheiterung larmoyanter
Gemüter: dies widerspricht durchaus nicht dem Pathos der
Aufklärung. Läßt es sich doch bei diesem Ausdruck
doch auch an Gesichter denken, die sich aufhellen, erleichtert
vcm Druck der Begierden und Gefühle, und auch vocm Zwang
zur Nützlichkeit. Die Definition der Wirkung des Schönen
in Kants "Kritik der Urteilskraft", das "freie
Spiel zwischen Einbildungskraft und Verstand", scheint hier
von Musäus en passant vorweggenommen zu sein: Aufklärung
des Gemüts als Erheiterung ist Bedingung dieses schönen
Spiels.
Die Märchendichtungen des Musäus dürfen
nicht an dem heutigen Begriff des Volksmärchens gemessen
werden, wie er uns von den Sammlungen der Gebrüder Grimm
her vertraut ist. Denn sie erwecken keine kindlichen Schauer treu
in der Brust, keine zauberischen Klänge einer verlorengegangenen
einfachen, wenn auch gefahrvollen und herausfordernden Welt, mit
einem Wort: keine romantische Sehnsucht. Die Märchen des
Musäus sind nicht gegen die Welt der Erwachsenen geschrieben,
sie sind selbst ein Stück Zivilisation, sind Aufklärung
mit den spielerisch verwendeten Mitteln des Volks- und Aberglaubens.
Nicht bieder-besserwisserische Zeigefingermoralität, sondern
die befreiende Kraft der komischen Gestaltung vom raffinierten
Sprachwitz bis zu derber Situationskamik ist es, die die ideologische
Gewalt abergläubischer wie orthodoxer Vorstellungen bricht,
die Sentimentalität ebenso abweist wie tragische Düsternisse.
- Ein Beispiel. Die Brüder Grimm und Musäus
benutzen bei einigen Märchengestaltungen den gleichen Stoff,
etwa beim "Schneewittchen" (das bei Musäus "Richilde"
heißt). Bekanntlich endet das Märchen der Brüder
Grimm mit dem grausigen Tod der bösen Stiefmutter:
"Und wie sie hineintrat, erkannte sie Sneewittchen,
und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht
regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer
gestellt und wurden mit Zangen herbeigetragen und vor sie hingestellt.
Da mußte sie die rotglühenden Schuhe treten und so
lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel."11
Bei Musäus nun wird das schreckliche Ende der
Grimmschen Märchestalt zu einem heiteren Rokokofinale:
"Wie die geistliche Zeremonie geendiget war, ging
der gesamte Brautzug in den Tanzsaal. Die künstlichen Zwerge
hatten indessen mit großer Behendigkeit ein paar Pantoffeln
von blankem Stahl geschmiedet, stunden am Kamin, schüreten
Feuer und glüheten die Tanzschuhe hochpurpurrot. Da trat
hervor Gunzelin, der knochenfeste gaskonische Ritter, und forderte
die Giftnatter zum Tanz auf, den Brautreihen mit ihr zu beginnen,
und ob sie sich gleich diese Ehre höchlich verbat, so half
doch kein Bitten noch Sträuben. Er umfaßte sie mit
seinen kräftigen Armen, die Zwerglein schuheten ihr die glühendenden
Pantoffeln an, und Gunzelin schliff mit ihr einen so raschen Schleifer
längs dem Saal hinab, daß der Erdboden rauchte und
ihre zarten wohlgebratenen Füße kein Hühnerauge
mehr quälte, dazu waldhornierten die Musikanten so herzhaft,
daß alles Gewinsel und Wehklagen in die rauschende Musik
verschlungen ward. Nach unendlichen Wirbeln und Kreisen, drehete
der flinke Ritter die erhitzte Tänzerin, welche noch nie
ein Schleifer so heiß gemacht hatte, zum Saal hinaus, die
Stiegen hinab in einen wohlverwahrten Turm, wo die büßende
Sünderin Zeit und Muße hatte, Pönitenz zu tun.
Sambul der Arzt aber kochte flugs eine köstliche Salbe, welche
die Schmerzen linderte und die Brandblasen heilte." 12
In der heiteren Rokokwelt des schönen Scheins
darf es keine Tragik geben; muß dennoch einmal, des Gangs
der Handlung wegen, gestorben werden, so tut der Erzähler
alles, um die krasse Wirklichkeit ihres Ernstes zu berauben; er
verschnörkelt die Begebenheit so, daß der Tod darin
keine Macht gewinnt. In der Erzählung "Ulrich mit dem
Bühel" tötet die schöne Witwe eines gefallenen
Ritters den Knecht, der sie bedroht, während seines Schlafs:
"Der schönen Witwe kam kein Schlaf in die
Augen, wiewohl sie sich stellte, als ob sie sanft schlummere.
Sobald sie den frechen Wicht schnarchen hörte, sprang sie
hurtig von dem Lager auf, zog gemachsam sein Schwert aus der Scheide,
schnitt ihm flugs damit die Gurgel, und zugleich den schönsten
Traum seines Lebens entzwei. Er hatte kaum zu ihren Füßen
die Seele ausgezappelt, so schritt sie hurtig über den Leichnam
aus der Höhle, und irrete durch den düstern Wald, ohne
zu wissen, wo sie der Zufall hinführen würde."
13
Manche Germanisten haben, indem sie den Märchenstil
der Brüder Grimm zur Norm erhoben, Musäus den respektlosen
Umgang mit dem Schatz deutscher Märchen und Legenden vorgeworfen.
Ebenso haben empfindliche Katholiken Anstoß genommen an
der Art und Weise, wie Musäus ihre Heiligen darstellt. So
erzählt er - in "Melechsala" - das berühmte
Rosenwunder der heiligen Elisabeth von Thüringen auf seine
Weise. Elisabeth will - verbotenerweise - Nahrung an Hungernde
austeilen; ihr gestrenger Eheherr erwischt sie mit dem vollen
Korb.
"Aber o Wunder! o Wunder! das corpus delicti
hatte sich wirklich in die schönsten aufblühenden Rosen
verwandelt: aus den Semmeln waren weiße, aus den Schlackwürsten
purpurfarbene, und aus den Eierkuchen waren gelbe Rosen geworden.
Mit freudigem Erstaunen nahm die heilige Frau diese wunderbare
Metamorphose wahr, wußte nicht, ob sie ihren Augen glauben
sollte, denn sie hatte selbst ihrem Schutzheiligen nicht die Politesse
zugetrauet, zum Vorteil einer Dame ein Wunder zu bewirken, wenn
's drauf ankam einen strengen Ehemann zu düpieren, und eine
weibliche Notlügen bei Ehren zu erhalten.
Dieser augenscheinliche Beweis der Unschuld besänftigte
den erzürnten Löwen ... Hierauf nahm er eine der Rosen
und steckte sie zum Triumph der Unschuld auf den Hut, die Geschichte
meldet aber nicht, ob er den folgenden Tag eine verwelkte Rose,
oder eine Schlackwurst darauf fand, indes berichtet sie, daß
die heilige Elisabeth, sobald ihr Herr mit dem Kuß des Friedens
sie verlassen und sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte,
getrosten Mutes nach dem Anger, wo ihre Pfleglinge, die Lahmen
und Blinden, die Nackenden und Hungrigen ihrer warteten, den Berg
hinabgewandelt sei, dort ihre gewöhnlichen Spenden auszuteilen.
Denn sie wußte wohl, daß die wundertätige Täuschung
dort wieder verschwinden werde, wie denn auch wirklich geschah:
Da sie ihr Viktualienmagazin öffnete, fand sie keine Rosen
mehr, wohl aber die nahrhaften Brocken darinne, die sie den höfischen
Tellerleckern aus den Zähnen gerückt hatte."14
Zu vielen solcher köstlichen Stellen ließe
sich sagen, was der Herausgeber der "Volksmärchen der
Deutschen" im Winkler Verlag, Norbert Miller, in seinem ausführlichen
Nachwort zu dieser schreibt:
"Es bedurfte langer Beschreibung oder eines genußreichen
Nachschmckens von Wort zu Wort, von Einfall zu Einfall, um das
Raffinement dieses kontrollierten Übermuts ganz zu fassen,
der noch die Kontrastierung altertümlicher und moderner Wortformen,
noch die kleinsten Bedeutungsnuancen zwischen dem Sprachgebrauch
des Alltags und der Legende zu seinem verwirrenden Spiel mit der
Phantasie nutzt." 15
Daß die erheiternde Aufklärung, das freie
Spiel zwischen Phantasie und Verstand, nicht nur kirchlich Anstößiges
zutage fördert, sondern auch sonst moralisch Bedenkliches,
Bedenkenswertes durchaus noch für heutige Beziehungsverhältnisse,
soll nun, zum Schluß, an Musäus' Bearbeitung der Sage
vom doppelt-beweibten Grafen von Gleichen in der erwähnten
Erzählung "Melechsala" , gezeigt werden. Der Stoff
war häufig verwendet worden, zuletzt noch in Goethes Drama
"Stella"; den Schluß, eine glückliche Doppelehe,
hat Goethe später tragisch ungestaltet. Es handelt sich bei
der Sage um die Geschichte eines Kreuzzugsritters, der im Orient
gefangengehalten wurde, bis die Tochter des Sultans ihn befreite
und mit ihm in seine Heimat zurückkehrte, wo sie mit der
daheimgebliebenen Ehefrau des Ritters gemeinsam eine - vom Papst
in Rom abgesegnete - harmonische Dreierbeziehung lebten. Die Doppelehe
des englischen Satirikers Jonathan Swift, mehr noch die Verstrickung
des Musäus-Freundes Gottfried August Bürger zwischen
seiner Ehefrau Dorette und deren Schwesterr Auguste, auch das
Dreiecksverhältnis zwischen Johanna Fahlmer, Betty und Fritz
Jacobi hielten die Diskussion um dieses Problem wach. Musäus
nun bleibt in seiner Bearbeitung der Sage bei der märchenhaft-Utopischen
Lösung im Geiste der Aufklärung:er macht aus der daheimgebliebenen
und ihren Gatten sehnsüchtig zurückerwartenden , dann
ob des unvermuteten Zuwachses zunächst etwas bestürzten
Ehefrau eine Menschenfreundin, die "sinnreich, klug und verständig"
ihrer Dankbarkeit der nunmehrigen Genossin - der Rettung ihres
Gatten wegen - Ausdruck zu geben weiß.
"Sie konnte es ihrem Herzen nicht vergeben, daß
es über die Nebensonne, die an ihrem Ehehorizont glänzen
sollte, gemurret hatte; um dafür zu büßen, ließ
sie im Geheim eine dreischläfrige Bettsponde zurichten von
starken föhrnen Stollen, mit der Farbe der Hoffnung überzogen,
und einer rundgewölbten Decke; in Form eines Kirchhimmels,
mit geflügelten bausbäckigen Engelsköpfen gezieret.
Auf der seidnen Matraze, die zum Prunk über die Flaumenposter
ausgebreitet war, präsentierte sich in künstlicher Stickerei
der Engel Raphael, wie er ihr im Traum erschienen war, nebst dem
Grafen im Pilgerkleide. Dieser redende Beweis von der zuvorkommenden
ehelichen Gefälligkeit seiner Gemahlin, rührte ihn in
der Seele. Er hing an ihrem Halse und küßte sie außer
Atem, beim Anblick dieser Anstalten, zur Vervollkommung seiner
Ehefreuden. 'Herrliches Weib!' rief er mit Entzücken aus,
'dieser Liebestempel erhebt dich über Tausende deines Geschlechts,
verkündet, als ein Ehrendenkmal, deinen Namen der Nachwelt,
und solange noch ein Span von dieser Sponde übrig ist, werden
die Männer ihren Gattinnen deine exemplarische Gefälligkeit
anpreisen."
Phantastisches Märchen oder konkrete Utopie? Humaner
Befreiungstraum oder patriarchalische Männerphantasie? Nun,
das mag ja alles anklingen, doch sieht man genauer hin, liest
man langsamr, Stoff-enthobener, so bleibt doch Eines nur übrig
von der Utopie, ein allerdings Wesentliches. das ist Sprache,
die heitere Ausgestaltung der Realität. Für Inhaltliches,
Weltenwendendes, sei's wunderbar, sei's wahr zu wünschen,
sind diese Märchen viel zu komisch.
Nachweise
1) J. W. v. Goethe, "Physignognomische Reisen",
Jubiläumsausgabe, I, S. 256.
2) Walter Gresky, Musäus-Forschungen, Cottbus
1939, S. 3.
3) J.K.A. Musäus, Volksmärchen der Deutschen,
hrsg. von Paul Zaunert, Jena 1927, Bd. 1, Einleitung S. VIII.
4) J.K.A. Musäus, Volksmärchen der Deutschen,
hrsg. von Norbert Miller, München o.J., S. 174 (Legenden
von Rübezahl).
5) ebd-, S. 685 f. (Melechsala)
6) J.C.A. Musäus, Physiognomische Reisen, Altenburg
1788,
2. Heft, s. 15.
7) ebd. S. 4o.
8) Erwin Jahn, Die "Volksmärchen der Deutschen"
von J.K.A. Musäus, Diss. Leipzig 1914, S. 23
9) Zaunert, S. XII.
10) Miller-Ausg., S. 7 (Vorbericht)
11) Dorothea Berger,"Die 'Volksmärchen der
Deutschen' von Musäus, in: PMLA 69 (1954), S. 1210
12) Miller-Ausg., S. 116 f. (Richilde)
13) ebd., S. 585 (Ulrich mit dem Bühel)
14) ebd., S. 666 (Melechsala)
15) ebd. (Nachwort), S. 9o5
16) ebd., S. 737 f. (Melechsala)
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