Harry Timmermann


"Physisian Nature! let my spirit blood!"

Zum 200. Geburtstag des englischen Dichters John Keats

am 31. Oktober 1995

"Wenn ich sterben sollte", sagte ich zu mir selbst, " habe ich kein unsterbliches Werk zurückgelassen - nichts, um meine Freunde stolz auf meine Erinnerung zu machen - aber ich habe das Prinzip der Schönheit in allen Dingen geliebt, und wenn ich Zeit gehabt hätte, würde ich mir einen Gedanken geschaffen haben."1

Der englische Dichter John Keats war gerade 24 Jahre alt, als er diese resignierten und doch stolzen Zeilen niederschrieb - in einem Brief an seine Geliebte Fanny Brawne im Februar 1820. Die Tuberkulose hatte schon vom Kehlkopf auf die Lunge übergegriffen, mehrmals hatte ihn ein Blutsturz heimgesucht, und er fühlte sich so schwach und nervös, daß er schöne Verse, die ihn sonst genährt hatten, nicht einmal mehr lesen durfte, so sehr griffen sie ihn an - geschweige denn selber welche schreiben. 12 Monate dauerte das noch, was er Freunden gegenüber, die ihn pflegten, sein "posthumes Leben" nannte; dann erlöste ihn, ausgerechnet in dem Land, das so manchem anderen immer wieder neue Lebenskraft gab und geben sollte - in Italien - der Tod.

Der Maler Joseph Severn, der Keats in Rom zu Ende pflegte, sieht nicht nur die Krankheit selbst als Ursache seines so frühen Todes, sondern auch seine allgemeine Gemütslage, seine heftige "Natur"; wenn er mit seinem intensiven Gefühlsleben fertig geworden wäre, diesen, so Severn, "unseligen Kombinationen und Leidenschaften des Gemüts, von denen keine Arznei der Welt ihm Linderung verschaffen kann, noch sonst ein Mittel, da sie seine Natur sind", wenn er wenigstens zeitweilig eine gewisse Gemütsruhe erreichen könnte, um "die Maschinerie des Körpers in Gang zu halten", dann hätte er vielleicht noch einmal auf die Beine kommen können. Doch habe Keats diese Gemütsruhe nie besessen, selbst die Glücksgefühle in seinem Leben seien so stark gewesen, daß sie sein Leiden nur beschleunigt hätten zum Ende hin.

Und doch gibt es Friedensbilder in Keats Gedichten, wenn auch äußerst fragile Momente, die, wie es in einem berühmten Gedicht heißt, wie "auf Zehenspitzen" aufgenommen scheinen - diese lyrisch gebannten Augenblicke künden wenn nicht von der Erfahrung, so doch von dem intensiven Wunsch nach einem ruhigen Stillstand im "rastlosen Gärstoff" der Dichterseele. Ein Frühlingsgedicht etwa, das zunächst einen lebendigen Aufbruch zu beschreiben scheint und dann alle Jahreszeiten phantastisch ineinanderspielt, stellt am Ende den Tod selbst mitten hinein in solche glückhaften "stillsten Bilder".

Die düstern Schwaden lagerten sich schwer

Auf unsren öden Plänen winterlang.

Jetzt rauscht der Tag - dir, sanfter Süd, sei Dank! -

Und fegt den krank geschckten Himmel leer.

Der Monat steht erfrischt mit einem Schlag

Und herrscht nun endlich auch zu Recht als Mai.

Die Kühle spielt und flieht am Aug vorbei

Wie sommerlich Getropf im Rosenhag.

Die stillsten Bilder stelln sich bei uns ein:

Früchte im Laub, herbstlich verklärter Schein,

Der sich auf Garben abendlind ergießt,

Des Kindleins Ruhen, Sapphos Wangenrot,

Der leise Sand, der durch ein Uhrglas fließt,

Ein Quell im Waldland - des Poeten Tod.2

Keats hat sich selbst, seine Seele, einmal als "die unzufriedenste und unruhigste" bezeichnet, "die jemals in einen Körper gelegt wurde, der ihr zu klein ist"3.

Gewiß ist John Keats Lyrik, die neben dem "langen Gedicht" die streng klassischen Formen Sonett und Ode bevorzugt, ein Ausdruck des Wunsches nach Verwandlung der quälenden Unzufriedenheit und Unruhe in stillen Frieden und Ruhe. Die Qualität der Dichtung, die sich schließlich in der Anerkennung John Keats als des größten englischen Lyrikers seit Milton literaturgeschichtlich durchsetzte, hat aber auch damit zu tun, daß diese Poesie nie nur befriedet und beruhigt - empfängliche Seelen können sich vielleicht auch heute noch von den in diesen klassisch-strengen Gebilden konzentrierten Energien elektrisieren lassen.

Ach, warum lachte ich heut nacht, warum?

Kein Gott, kein Geist tut mirs barmherzig kund,

Wend ich auch Höll und Höh nach Antwort um -

Drum geh ich meinem Herzen auf den Grund.

Herz, du und ich sind hier allein, so sag,

Sag: Warum lachte ich? O Todespein!

O Dunkel! Dunkel! Wie vergeblich klag

Bei Himmel, Höll und Herz ich Antwort ein!

Was lacht ich nur? Ich kenn des Seins Gewalt,

Und Phantasie bestürmt mich schön geballt:

Doch stürb ich gleich, verriet ich ohne Not

Das Fahnentuch der Welt, das rauscht und rollt.

Vers, Ruhm und Schönheit überwiegt der Tod.

Tod ist des Lebens hochbemeßner Sold.4


"Verse, Fame and Beauty are intense indeed,

But Death intenser - "

so lautet die vorletzte Zeile dieses seltsamen Gedichtes der Todesangst und Todesbereitschaft im englischen Original. Poesie, Ruhm und Schönheit oder Poesie, Ruhm und Liebe - diese Themen tauchen, vielfach variiert, immer wieder auf in Keats Gedichten und in vielen seiner Briefe; sie können als die Grundthemen seines Lebens und Schaffens, seines poetischen Strebens und ästhetischen Reflektierens gelten. Er ist besessen von ihnen, von dem Reiz, mit dem sie ihm am Leben erhalten und zum Arbeiten treiben; aber auch von der "Intensität", mit der sie ihn bedrängen und all seine Lebenskraft absorbieren.

In einer Ode beschwört der kranke Dichter Keats die Natur als einen Arzt, seinen Geist quasi zur Ader zu lassen und die gepeinigte Seele von Versen zu befreien, damit sie endlich Ruhe fände:

Physician Nature! let my spirit blood!

O ease my heart of verse and let me rest;5

Ein Sonett wiederum beschreibt den poetischen Schaffensprozeß als das lebensnotwendige Verwandeln quälender Phantasien in feste, überlebensfähige Formen; die Möglichkeit eines Verlustes von Poesie, Ruhm und Liebe wird befürchtet - doch steckt in dem Nichts, das dann bleibt, vielleicht auch ein Wunschbild, das den Dichter als jemanden zeigt, der sich im Grunde danach sehnt, nicht mehr dichten, lieben, begehren zu müssen.

Wenn es mich peinigt, ich möcht nicht mehr sein,

Bevor dies Blei den Geistersturm gebannt

In Haufen Lettern, schönen Bücherein,

Wie Scheffel Gerste vor der Speicherwand,

Wenn ich erspäh im Angesicht der Nacht

Embleme meiner Kunst als Rauch und Brand

Und denk, es fehlte mir an Gunst und Macht,

Ihr Schattenspiel zu bergen leichterhand,

Und wenn ich spür, Gebild der schönern Zeit,

Ich werd dich nimmer sehn, nie wieder mehr,

Und auch nicht kosten von der Süßigkeit

Argloser Lieb -: Dann wach ich mit Beschwer

Nachdenklich überm letzten Deich der Welt,

Bis Lieb und Ruhm zu nichts als Nichts zerschellt.6

Als John Keats sich entschloß, nichts als Dichter zu werden, war er um die zwanzig Jahre alt. Er hatte schon einige Schicksalsschläge hinter sich. Durch einen Unglücksfall hatte er früh seinen Vater, einen nicht sehr wohlhabenden Mietdroschkenbesitzer, verloren; seine Mutter hatte sich wieder verheiratet, aber nicht glücklich, so daß sie eine Trennung vorzog und nun mit ihren vier Kindern bei deren Großmutter in Edmonton lebte. Die drei Söhne gingen auf eine Schule in Enfield, und es war deren Direktor Clarke, der Johns Wissensdrang auf das klassische Altertum und die englischen Dichter der Renaissance lenkte. John war fünfzehn und im letzten Schuljahr, als seine Mutter schwer erkrankte; er pflegte sie Tag und Nacht bis zu ihrem Tode. Nach Meinung mancher Biographen war es dieser hautnah erlebte Tod der Mutter, aber auch schon früher ihre Wiederverheiratung mit einem in den Augen des Sohnes unwürdigen Erbschleicher, was dann zu der tiefsitzenden Angst des jungen Mannes vor der Enttäuschung besonders durch Frauen geführt hat. In einem Brief an einen Freund schreibt Keats 1818:

Wenn ich unter Frauen bin, habe ich schlechte Gedanken, Boshaftigkeit, ich kann weder reden noch schweigen, ich bin voller Argwohn und höre deshalb gar nicht richtig zu, ich habe nur das Verlangen, schnell wegzukommen. Sie müssen nachsichtig sein und all diese Widernatürlichkeiten dem Umstand zugute halten, daß ich seit meiner Knabenzeit immer wieder enttäuscht worden bin.7

Es wird noch von einem anderen anderen, sozusagen romantischerem "Urerlebnis" in dieser Hinsicht berichtet: So soll die erste Leidenschaft des heranwachsenden John Keats einer Unbekannten gegolten haben, die er eine halbe Stunde beobachtet hatte. Er erwartete von ihr ein Lächeln, doch es blieb aus...

Keats verschwieg seinen Freunden immer, daß er eine Waise war. Sein Vormund nahm ihn von der Schule und schickte ihn bei einem Wundarzt in die Lehre; nach drei Jahren ging er als Medizinstudent nach London. Doch da hatte ihn schon der dichterische Ehrgeiz ergriffen. Es war sein Lehrer und Freund Clarke, dem er von der Verzweiflung berichtete, in Spitälern und Hörsälen am falschen Ort zu sein; ihn zog es in die ländliche Natur und in die Gesellschaft literarischer Freunde. Clarke machte Keats schließlich dem einflußreichen Poetenkreis um Leigh Hunt bekannt, und fünf Monate später erschien Keats erster Gedichtband, die "Poems 1817".

Die Gedichte waren im allgemeinen Taumel des Zeitalters entstanden, dem Gefühl für eine Neugeburt der Poesie, der Erlösung aus jahrhundertelanger literarischer Tyrannei, wofür Wordsworth, Coleridge, Scott und Byron wirksam gekämpft hatten.

Doch das Wunder der plötzlichen Populariät Byrons wiederholte sich für Keats nicht: der ersehnte Bucherfolg blieb aus. John Keats' Brüder, die ihn innig verehrten, schoben alle Schuld auf den Verleger; die Reaktion von John war: intensiver Haß auf das literarische Publikum. In einem Brief schrieb er später, im August 1819:

"Die Gunst des Publikums ist mir so abstoßend wie die Liebe von Frauen - beide sind so klebrig wie Sirup an den Schwingen der Unabhängigkeit. Ich will die Menschen stets als meine Schuldner betrachten, die mir meine Verse zu verdanken haben, nicht mich als den ihren um ihrer Bewunderung willen, denn ohne die kann ich auskommen. Vor kurzem habe ich meinem Ärger Luft gemacht und ein Vorwort gegen sie ersonnen, mich dann aber doch entschlossen, überhaupt niemals ein Vorwort zu schreiben. "Hier haben Sie soundso viele Gedichte", hätte ich ihnen gesagt, "gebt mir dafür soundso viel Mittel, daß ich mir davon Vergrügen kaufen kann, als Ausgleich für meine Arbeitsstunden." Wenn Sie den Brief durchgelesen haben und ihn beiseite legen, werden Sei denken: "Wie doch ein einsames Leben Stolz und Selbstgefälligkeit erzeugt!" Richtig, ich weiß, daß das so ist - aber dieser Stolz und diese Selbstgefälligkeit verleihen mir mehr als alles andere die Kraft, schönere Dinge zu schreiben, darum will ich mich ihnen hingeben. In genau dem Maße, wie ich mich vor dem mir unerreichbaren Genius verneige, erhebe ich mich über die literarische Welt und blicke mit Haß und Abscheu auf sei herab. Ein kleine Tambour, der dem Feldmarschall vertraulich die Hand entgegenstreckt, solch ein Tambour ist für mich der Beifall und die Gunst des Publikums. Wer möchte schon gern zur gemeinen Masse der kleinen Berühmtheiten zählen, die alle untergehen im Gewimmel von ihresgleichen? Lohnt es sich, dafür den Hanswurst zu machen oder den Heuchler zu spielen? Um Stimmen zu bettlen für einen Sitz auf der Bank der unüberschaubaren Literaturaristokratie? Das ist nicht klug - ich bin kein kluger Mann - Stolz ist es. Ich will Ihnen eine Definition des stolzen Menschen geben: das ist einer, der weder eitel ist noch klug - wer von Haß erfüllt ist, kann nicht eitel sein - noch kann er klug sein..."8

Der stolze Dichter sehnt sich nach Ruhm, er ist durchaus ehrgeizig, doch verachtet er die Gunst des realen Publikums - ebenso liebt er die Menschen nur ihrer Idee nach, die wirklichen mag er nicht.

"Ich bewundere die menschliche Natur, aber die Menschen mag ich nicht. Ich möchte Dinge schaffen, die dem Menschen zur Ehre gereichen, aber nicht zu befingern sind von Menschen."9

Der Gesellschaft des Publikums und der literarischen Zirkel zieht Keats immer mehr die Gemeinschaft weniger Freunde vor, die mit ihm zusammen Spenser und Milton lesen, immer wieder auch Shakespeare, und griechische Skulpturen studieren. Am liebsten ist er jedoch mit sich und seinen Dichtern allein.

Wie viele Dichter wiegen nicht die Zeit

Mit barem Gold auf! Meiner Phantasie

Bot mancher stete Kost - ich weiß durch sie

Mich irdisch, überirdisch eingeweiht.

Und oft, sobald ich reim, drängt sich erneut

Die Schar in meinen Sinn, um meine Knie:

Doch nicht Verworrenheit verbreitet sie,

Auch nicht Tumult, nein: liebliches Geläut.

Wie dieses Abends Stimmen, zahllos schön:

Das Laubgeraun, der zarte Vogelhall,

Der Laut des Wassers und der Glocke Schwall,

Der ernst verklingt, und tausend mehr erhöhn,

Obwohl unkenntlich fern, mit süßem Schall

Noch die Musik - nicht stürmisches Gedröhn.10

-

O Einsamkeit, die heftig nach mir sucht:

Verschon mich doch im Meer der Häuser hier!

Erklimm mit mir den Turm im Felsrevier -

Sternwarte der Natur - und schau zur Schlucht,

Die winzig daliegt an kristallner Bucht:

O laß mich Wache halten neben dir,

Wo tief im Dorn geschmeidiges Getier

Den Bienenschwarm erschreckt, der Blüten sucht!

Gern mach ichs mir, dir beigesellt, bewußt.

Doch erst Gespräch, das arglos uns befreit

Und dem Gedanken Bild und Wendung leiht,

Berückt mein Herz. Nein, kaum noch höhre Lust,

Als hinzufliehn geschwisterlich zu zweit

An deine wie ein Obdach warme Brust!11

In einem Brief an seine Geliebte Fanny stellt Keats eine Beziehung her zwischen der Einsamkeit, der Kraft der Imagination und der Abwehr - von Frauen.

Ich spüre mit jedem Tag mehr, wie meine Imagination erstarkt. Ich lebe nicht allein in dieser Welt, sondern in tausend Welten. Ich verschmelze in der Luft und empfinde dabei so köstliche Wollust, daß ich zufrieden bin, allein zu sein. All dies und dazu noch die Meinung, die ich im allgemeinen von den Frauen habe, die mir wie Kinder vorkommen, denen ich viel lieber eine kandierte Pflaume schenken möchte als meine Zeit, - das erzeugt in mir eine Abwehr gegen die Ehe, über die ich sehr froh bin.12

Keats Freunde sehen die seelische Gefahr für ihn, die in der völligen Loslösung liegt, im angestrengt reinen Vorstellungsleben des Dichters, in der Abstraktion der Phantasie; dadurch könne er, wie es einer von ihnen ausdrückte, "von Leib und Seele getrennt" werden. Keats benennt einmal den Unterschied zwischen Lord Byron und ihm: Jener beschreibe, was er sehe, er jedoch, was er sich vorstelle. Zeitweilig lebt der Dichter Keats beinahe nur noch in den Geschöpfen seiner Einbildung; der Drang, sie zu gestalten, äußert sich in fieberartigen Anfällen, und die Dichtung wird ihm immer mehr zur Religion.

Ich weiß, die Allgemeinheit der Frauen würde mich deswegen hassen, daß ich ein so unnachgiebiges, so undurchdringliches Gemüt habe, sie zu vergessen um der langweiligen Einbildungen meines Hirns willen.13

schreibt er an Fanny, und dem Dichterkollegen Shelley bekennt er:

"Meine Imagination ist ein Kloster, und ich bin der Mönch darin."14

Kaum einer hat so genau und vielfältig wie Keats die sprichwörtliche Weltfremdheit des in seinen Vorstellung lebenden romantischen Dichters beschrieben. Was an der Welt bestimmt, kompakt ist, was, nach seinem Ausdruck, "Identität" hat, bedrückt ihn, fordert ihn heraus, zwingt ihn zur Flucht in selbstgeschaffene Bilder - die Auflösung seines eigenen Ichs ins Nicht-Identische, Charakter-Lose erklärt Keats geradezu zur Bedingung poetischer Schaffenskraft - und nimmt dabei das bürgerlich-moralische Verdikt der Unzuverlässigkeit und Unbeständigkeit in Kauf.

Kein Wort, das ich sage, kann für voll genommen werden als Ausfluß meiner identischen Natur - wie kann es das, wenn ich keine Natur habe? Wenn ich in einem Raum mit anderen Leuten zusammen bin, wenn ich dann überhaupt frei bin vom Nachdenken über die Geschöpfe meines eigenen Gehirns, dann geht nicht mein Selbst nach Hause zu mir: sondern die Identität eines jeden im Raum fängt an, auf mich einzudrücken, so daß ich in kurzer Zeit vernichtet bin...15

Einen Besuch bei seinem kranken Bruder nimmt Keats zum Anlaß für eine Beschreibung des Zwangs, der ihn in seine Vorstellungswelt und zum Schreiben treibt:

(Meines Bruders) Identität drückt den ganzen Tag so auf mich ein, daß ich gezwungen bin auszugehen, und obwohl ich die Absicht hatte, einige Zeit dem Studium zu widmen, bin ich gezwungen zu schreiben und in abstrakte Bilder einzutauchen, um mich von seinem Gesichtsausdruck, seiner Stimme, seiner Schwäche zu erholen.16

Einem Freund legt der dreiundzwanzigjährige Keats seine grundsätzliche Auffassung vom Charakter eines Dichters dar, wie er ihn zweifellos an seiner eigenen Person erlebt:

Was den poetischen Charakter selbst anlangt (...), so ist er nicht er selbst - er hat kein Selbst - er ist alles und nichts - Er hat keinen Charakter - er freut sich an Licht und Schatten; er lebt mit gusto, sei es häßlich oder schön, hoch oder niedrig, reich oder arm, mittelmäßig oder erhaben - Er hat genauso viel Freude daran, einen Jago zu erfinden wie eine Imogen. Was den tugendhaften Philosophen schockiert, entzückt den chameleonhaften Dichter ...Ein Dichter ist das unpoetischste aller Geschöpfe; weil er keine Identität hat - er ist ständig auf der Suche nach - und füllt irgendeinen anderen Körper aus - Die Sonne, der Mond, das Meer und Männer und Frauen, die triebhafte Geschöpfe sind, sind poetisch und haben an sich ein unveränderliches Attribut - der Dichter hat keins, keine Identität - er ist gewißlich das unpoetischste aller Geschöpfe Gottes."17

Den Begriff des Genies erläutert der Medizinstudent mit einem Gleichnis aus der Chemie:

Und das ist die eine Wahrheit - geniale Menschen gleichen in ihrer Bedeutung gewissen ätherischen Chemikalien; sie wirken auf die Masse des neutralen Verstandes, besitzen indessen keinerlei Individualität, keine bestimmten Charakter - die wenigen ganz auserlesenen von ihnen, die ein eigenes Selbst haben, würde ich Menschen der Macht nennen.18

John Keats, der von sich selbst sagt, daß er zu nichts anderem als zur Dichtung tauge,

"I am fit for nothing but literature" 19 -

Keats will kein solcher "Mensch der Macht" sein; er träumt von einer anderen Macht jenseits des "Identischen" - er sucht die Verbindung und Verschmelzung von Macht und Schönheit, von Schönheit und Wahrheit, ja er sucht sie nicht nur, er will sie herbeizwingen durch die Kraft der Imagination.

Sicher bin ich mir nur der Heiligkeit der Neigungen des Herzens und der Wahrheit der Imagination. Was die Imagination als Schönheit ergreift, das muß Wahrheit sein, ob es zuvor existiert hat oder nicht, denn ich habe von allen unseren Leidenschaften dieselbe Auffassung wie von der Liebe; durch ihre Sublimierung bringen sie die Essenz der Schönheit hervor...Die Imagination kann man mit Adams Traum vergleichen, er erwachte und erkannte sie als Wahrheit. Ich lasse mich um so weniger von dieser Sache abbringen, als ich noch nie erfassen konnte, wie man irgend etwas durch folgerndes Denken als Wahrheit erkennen kann, und doch muß es das geben. Hätte wohl selbst der größte Philosoph jemals sein Ziel erreichen können, ohne sich über mannigfache Einwände hinwegzusetzen? Wie auch immer - oh, alles für ein Leben der Empfindungen statt der Gedanken!20

Alle Macht der Schönheit: um diese Thema geht es etwa in Keats großem, unvollendet gebliebenem Versepos "Hyperion". Das Sujet behandelt nichts geringeres als den Sturz der Titanen in der antiken Götterwelt; Quelle ist vor allem eine englische Übersetzung der "Metamorphosen des Ovid". Das erste Buch des Fragmentes, das schließlich zweieinhalb Bücher mit circa 900 Zeilen umfaßte, schildert elegisch den gestüzten Saturn, einen der Titanen, die im Kampf gegen die von Jupiter angeführte jüngere Göttergeneration unterlagen. Die Besiegten schmachten in Ketten oder trauern in irdischer Abgeschiedenheit ihrer einstigen Größe nach. Nur Hyperion, der Sonnengott, ist noch im Vollbesitz seiner - freilich ebenfalls bedrohten - Macht. Er wird von seinem Vater Coelus zum Widerstand ermutigt. Im zweiten Buch richtet ein Titanenrat alle Hoffnung der geschlagenen Riesen auf Hyperion. Doch während die Entmachteten, die meisten dumpf vor sich hinbrütend, auf ihn warten, überrascht Oceanus, der Vorgänger Neptuns, mit einem Plädoyer für die neuen Götter, die in ihrer jugendlichen Schönheit den alten überlegen seien. Seine Rede gipfelt in dem programmatischen Satz:

"...denn es ist ewiges Gesetz, daß das Schönste auch das Mächtigste sei".21

Da Schönheit für Keats eine Funktion der Imaginationskraft ist, kann John Keats also als einer der Urheber der Forderung gelten: "Die Phantasie an die Macht!", wie sie etwa im Pariser Mai '68 aufgetaucht ist. Doch war er allerdings, im Gegensatz etwa zu seinen Zeitgenossen Shelley und Byron, alles andere als ein politischer Dichter. Für ihn ging es nicht darum, mithilfe unter anderem der Dichtung die Welt ins Bessere umzugestalten, sondern diese eigentlich als solche unerträgliche Welt in Dichtung zu verwandeln - die Welt als quälender Anlaß und Antrieb, nicht aber als pragmatisches Ziel der Poesie.

"Das eine jede Kunst auszeichnende Merkmal ist ihre Intensität, die es vermag, daß alles Unerfreuliche in der Berührung mit Schönheit und Wahrheit verdampft."22

Wenn Keats allerdings beansprucht, er habe "das Prinzip der Schönheit in allen Dingen" geliebt, so kann sich dieser Schönheitsbegriff nicht nur auf das durch intensive Imagination geschaffene und in strenge lyrische Form sublimierte Gebilde beziehen, sondern durchaus auch auf Gegenstände der realen Welt. In erster Linie auf Frauen.

"A thing of beauty is a joy for ever",23

so lautet die erste Zeile in Keats erster bedeutenderer Publikation, dem mehr als hundert Seiten umfassenden Versepos "Endymion": Schönes gibt ewige Freude. Fanny Brawn, eine neue Nachbarin, die aus einer Familie von Rittern, Äbten und Advokaten stammte, lernte Keats kurz nach der Publikation des "Endymion" kennen. Sie wurde seine Liebe - und mußte nun mit ihrer Existenz für die Wahrheit dieses Satzes einstehen. Daß er an ihr nichts als ihre Schönheit liebe, beschwerte sie sich einmal, da hat sie wohl noch nicht verstanden - oder vielleicht gerade! - welchen zentralen Stellenwert dieser Begriff für Keats eben nicht nur für die Lyrik, sondern für sein gesamtes Weltverhältnis hatte.

Denn diese Idee - Liebe als Liebe zur Schönheit, Schönheit als Garant einer höheren Wahrheit, Schönheit als Religion - wurde nun auf eine harte Probe gestellt. Der Kuß der Muse mußte mit dem Zauber weicher Lippen wetteifern; schwieriger aber noch: die Dauer des Kunstgebildes, die ersehnte Ewigkeit des Werks und des Ruhms kämpfte mit der ewig latenten Unbeständigkeit eines lebendigen Wesens. Für den dann bald todkranken Keats hieß das: von Fannys Tugend hing sein Leben ab.

Was mag dieses junge, lebenslustige, einen sterbenden Dichter liebenden Mädchen wohl empfunden haben bei Briefzeilen wie diesen:

Ich kann ohne Dich nicht leben und nicht nur nicht ohne Dich, sondern nicht ohne Dein keusches tugendhaftes Ich....Schreibe nicht, wenn Du es nicht mit kristallklarem Gewissen tun kannst...24

oder bei den Worten:

"Ich bin jetzt nicht so unglücklich, wie ich es wäre, wenn ich dich gestern gesehen hätte"25

oder bei dem folgenden Brief vom Mai 1820:

Gestern und heute morgens wurde ich von einer lieblichen Vision verfolgt - ich habe Dich die ganze Zeit in Deinem Schäferin-Kostüm gesehen. wie meine Sinne darob schmerzten! Wie mein Herz Dir ergeben war! In der Tat, ich glaube, eine wirkliche Liebe ist genug, um das weiteste Herz auszufüllen. Daß Du allein in der Stadt warst, hat mich sehr erschreckt, als ich es erfuhr - doch ich habe es erwartet - versprich mir, daß Du es für einige Zeit nicht mehr tun willst, bis es mir besser geht. Versprich mir dies und fülle das Papier mit den liebkosendsten Namen. Wenn Du dies nicht freiwillig tun kannst, sag mir's Liebste - sag was Du denkst - gesteh mir's, wenn Dein Herz zu sehr an der Welt hängt. Vielleicht wird es mir dann möglich sein, Dich aus einer größeren Entfernung zu sehen, und nicht möglich, Dich so eng mir selbst nahezubringen. Wenn Du einen Lieblingsvogel aus dem Käfig lassen müßtest, wie würden Deine Augen ihm schmerzlich nachsehen, solange er noch in Sicht ist. Wenn er nicht mehr zu sehen wäre, würdest Du Dich ein wenig erholen. Vielleicht könnte ich glücklicher sein, indem ich dann weniger gequält wäre, wenn Du mir geständest, wie viel Du außer mir benötigst, sofern dies der Fall ist. Wohl magst Du ausrufen: Wie egoistisch, wie grausam, mich meine Jugend nicht genießen zu lassen, mich unglücklich zu wünschen! Du mußt es sein, wenn Du mich liebst. Bei meiner Seele, ich kann mit sonst nichts zufrieden sein. Wenn Du Dich wirklich - was man so nennt - unterhalten könntest bei einer Gesellschaft - wenn Du den Leuten zulächeln und jetzt wünschen könntest, daß sie dich bewundern - dann hast Du mich niemals geliebt noch wirst Du mich jemals lieben. Ich sehe das Leben nur in der Gewißheit Deiner Liebe - überzeuge mich davon, Süßeste. Wenn ich nicht auf irgeneine Weise davon überzeugt werde, sterbe ich an den Qualen. Wenn wir lieben, dürfen wir nicht wie andere Männer und Frauen leben - ich kann das Giftkraut der Mode nicht genießen, mich nicht begeistern für Fexereien und Geschwätz. Du mußt mein sein, um auf der Folterbank zu sterben, wenn ich es verlange. Ich will nicht sagen, daß ich mehr Gefühl habe als meine Mitmenschen, aber ich wünsche von Dir ernsthaft, daß Du meine Briefe, die freundlichen und unfreundlichen, durchsiehst und bedenkst, ob der Mensch, der sie geschrieben, imstande sein kann, die Qualen und Ungewißheiten noch länger zu ertragen, die zu erregen Du so merkwürdig geschaffen bist. Die Wiederherstellung meiner körperlichen Gesundheit wird für mich keine Wohltat sein, wenn Du nicht mein bist, sobald ich wieder gesund bin. Um Gotteswillen rette mich - oder sag mir, daß meine Leidenschaft Dir zu furchtbarer Natur ist. Nochmals: Gott segne Dich. J.K.

Nein - meine süße Fanny - ich habe unrecht - ich wünsche nicht, daß Du unglücklich bist - und doch tue ich es, muß es, solange es eine so liebliche Schönheit gibt - meine Lieblichste, mein Liebling! Leb wohl! Ich küsse Dich - o die Qualen!26

Auch diese stärksten Liebesschmerzen der Ungewißheit, der brennenden Eifersucht, der leidenschaftlichen Selbstvorwürfe wegen der gleichwohl lebensnotwendigen Totalität des Anspruchs: sie müssen, so die Hoffnung des Dichters, "in der Berührung mit Schönheit und Wahrheit verdampfen", wenn intensive Kunst sie ergreift - und so entstand vielleicht das folgende Sonett:

Ich schrei zu dir um Gnade - Mitleid - Liebe!

Ach, Liebe, die nicht peinigt, sondern heilt:

Einhellige, in Erz geprägte Liebe,

Die ohne Makel treu bei mir verweilt!

Fall ganz bedingungslos in meine Hand!

Das Schönsein und dies Auge golderhellt,

Dein Kuß, der Liebe süßes Unterpfand,

Der Brüste blendend ragendes Gezelt,

Dein Selbst, dein Inbild noch: o gönn es mir,

Verweigre kein Atom, sonst sterb ich hin!

Und blieb ich elend dir leibeigen hier,

Verkäm ich bald, vergäß des Hierseins Sinn;

Mein Geist vergrübe tonlos seinen Mund,

Und meine Ruhmsucht ginge blind zugrund.27

John Keats' Briefe an Fanny dienen nicht nur dem Erweis seiner Liebe und dem egozentrischen Ausdruck seiner Eifersuchtsqualen - sondern ebenso der verzweifelten Selbstberuhigung und, weit vertrackter noch, dem paradoxen Versuch, die Geliebte zu vergessen, wenigstens für eine Weile - wieviel mehr noch würde er sie lieben, wenn sie ein Mittel wüßte, sich "aus seinem Sinn" zu bringen!

"Ich wünschte, Du könntest etwas erfinden, um mich ganz glücklich zu machen ohne Dich..."

heißt es einmal, und im selben Brief:

"Hamlets Herz war voll von solchem Elend, als er zu Ophelia sagte: "Geh in ein Kloster, geh geh!" Wahrhaftig, ich möchte sofort alles aufgeben, ich möchte gerne sterben. Ich ekle mich vor der brutalen Welt, der Du zulächelst..."28

Wer weiß, ob der gequälte Dichter nicht tatsächlich etwas beruhigter gewesen wäre, hätte seine Fanny der verzweifelten Aufforderung Hamlets Folge geleistet oder gar das Schicksal Ophelias auf sich genommen, im Wasser einfach zu verschwinden...

Ein Sonett scheint den Schmerz des verlorenen Glücks zu beklagen, doch mehr noch die - erst durchaus lustvoll ausgemalte - Erinnerung daran zu verfluchen:

Die Zeit, die ozeanische, verging

Fünf Jahre schleppend und rann hin im Sand,

Seitdem ich mich betört im Garn verfing

Vom abgestreiften Handschuh deiner Hand.

Und doch, äug ich im Nachtwind himmelwärts,

Find ich dein unvergeßnes Aug entlohnt;

Von jedem Rosenfarbton bebt mein Herz

Und sucht im Flug nach deinem Wangenrot;

Bei jeder aufgebrochnen Knospe springt

Mein Ohr auf, wähnt, dein Mund berühr es fein,

Horcht nach dem Laut der Liebe aus und dringt

Verkehrten Sinnes auf die Süße ein:

Gedenk ich dein, beschlägt ein jedes Glück,

Und du zerbrichst mein Jauchzen Stück um Stück.29

Liebe - Ruhm - Poesie: das sind die drei Kernkomplexe oder vielmehr ein einziger in sich verwickelter Komplex von Ideen in Keats' Gedankenwelt. In der Vorstellung gibt die Liebe der Poesie ein unerschöpfliches Thema - in der Realität lauert die physische Gefahr des Kraftverlustes schon im Gedanken an die Geliebte und damit der Verlust der Poesie und des Nachruhms, und damit des einzigen "ewigen Lebens", an das der Dichter glauben kann, dessen Religion in Liebe und Poesie eingegangen ist.

"Verzeih mir diesen hartwortigen Brief und glaube und erkenne, daß ich an Dich nicht denken kann ohne eine Art von Kraftverbrauch - wenn auch zu ungelegener Zeit. Selbst wenn ich damit aufhöre, scheint es mir, daß ein paar Augenblicke mehr des Denkens an Dich mich entkristallisieren und auflösen würden. Ich darf dem nicht nachgeben - sondern muß zu meinem Schreiben zurückkehren - wenn ich versage, werde ich schwer sterben. O mein Lieb, Deine Lippen erfüllen wieder mit ihrer Süße meine Phantasie - ich muß sie vergessen.30

Wenn ich dich heute sehen sollte, würde es meine halbbequeme Grämlichkeit, die ich gegenwärtig genieße, in vollkommene Verwirrung verwandeln. Ich liebe dich zu sehr, um mich nach Hampstead zu wagen; ich empfinde, es ist nicht Abstatten eines Besuches, sondern Sich-in-ein-Feuer-wagen. Que ferai-je? wie die französischen Romanschriftsteller im Scherz sagen und ich im Ernst: wirklich, was kann ich tun? Wohl wissend, daß mein Leben in Ermattung und Leid verbracht werden muß, habe ich mich bemüht, mich Deiner zu entwöhnen: denn für mich allein, was kann es viel an Elend geben? Soweit die Ereignisse mich betreffen, kann ich sie alle verachten; aber ich kann nicht aufhören, Dich zu lieben...Ich bin ein Feigling; ich kann den Schmerz, glücklich zu sein, nicht ertragen. Es ist außer Frage: ich darf keinen Gedanken davon zulassen.

Dein Dir immer zugetaner

John Keats31

"Ich bin ein Feigling; ich kann den Schmerz, glücklich zu sein, nicht ertragen": Der aus Rumänien stammende französische Philosoph E.M. Cioran, der zu den großen Pessimisten des 20. Jahrhunderts gehört, hat diesen Satz aus einem Brief von Keats an Fanny folgendermaßen kommentiert:

"Um jemand zu ergründen, um ihm wirklich zu kennen, genügt es mir, seine Reaktion auf dieses Geständnis von Keats zu beobachten. Versteht er es nicht sofort, so ist es völlig zwecklos, weiterzugehen."32

"Ich muß dir eine Zeile oder zwei schreiben und sehen, ob dies dazu beitragen wird, Dich aus meinem Sinn zu bringen, wenn auch für noch so kurze Zeit. Bei meiner Seele, ich kann an nichts andres denken. Die Zeit ist vorbei, wo ich Kraft hatte, Dir zu raten und Dich vor dem nichtsversprechenden Morgen meines Lebens zu warnen. Meine Liebe hat mich selbstisch gemacht. Ich kann ohne Dich nicht bestehen. Ich vergesse alles, außer Dich wiederzusehen - mein Leben scheint da zu halten - ich sehe nichts weiter. Du hast mich aufgesogen. Ich habe im gegenwärtigen Augenblick das Empfinden, als ob ich mich auflöste - ich wäre ausgesucht elend ohne die Hoffnung, Dich bald zu sehen. Ich würde mich fürchten, mich weit von dir zu scheiden. Meine süße Fanny, wird Dein Herz sich niemals ändern? Mein Lieb', wird es? Ich habe jetzt keine Grenze für meine Liebe....Ich war erstaunt, daß Menschen als Märtyrer für die Religion sterben können - ich schauderte davor. Ich schaudere nicht mehr - ich könnte zum Märtyrer werden für meine Religion - Liebe ist meine Religion - ich könnte dafür sterben. Ich könnte für Dich sterben. Mein Glaube ist Liebe, und Du bist seine einzige Lehre. Du hast Dich meiner bemächtigt mit einer Macht, der ich nicht widerstehen kann; und doch konnte ich widerstehen, bis ich Dich sah; und selbst seitdem ich Dich gesehen habe, habe ich mich oft bemüht, "die Gründe meiner Liebe zu ergründen". Ich kann dies nicht mehr - der Schmerz wäre zu groß. Meine Liebe ist selbstisch. Ich kann ohne Dich nicht atmen.

Für immer Dein

John Keats33

Wie nahe Liebe und Religion für Keats beieinanderliegen, ja ineinander aufgehen, zeigt auch das folgende Gedicht, das mit - man möchte fast sagen: normalen - Bildern des wehmütigen Erinnerns an einen glücklich verbrachten Tag beginnt und in einem stillen Andachtsbild endet, das so merkwürdig sit, daß dem Leser Zweifel kommen, ob die Süße des Tages, die mit allen Sinnen genossene Anwesenheit der Geliebten für einen zurückersehnten Zustand, das verlorene Paradies, gelten sollen oder nicht doch für einen überwundenen, in der Gebetshaltung endlich aufgehobenen.

Der Tag und seine Süße sind dahin:

Haar, Mund und Brüste, warmer Atemstoß,

Gewisper, Halbton, zart verwirrter Sinn,

Aug, feiner Wuchs und lässig weicher Schoß.

Fort sind die Blumen und ihr Knospenschwall,

Fort schöner Schein aus meines Augs Verlies,

Fort schöner Stoff aus meiner Arme Wall,

Fort Weiß und Wärme, Schoß und Paradies...

Vorbei des Abends End: noch vor der Zeit,

Da Feiertag, nein Feiernacht zur Zier

Der Liebe dichter webt die Dunkelheit:

Das schwarze Zelt für heimliche Begier.

So fromm wie heut dient ich der Liebe nie -

Drum komm, o Schlaf, denn sieh: ich fast und knie!34

In dem folgenden Gedicht "Entbrannter Stern" wird noch deutlicher, worum es dem Dichter in der Liebe eigentlich zu gehen scheint. Es ist die direkte, physische Teilnahme am Leben der Geliebten, die ihm das Leben sichern soll und mehr noch als das Leben - hier verschmelzen sinnliche Liebe und Religion - nämlich ganz metaphysisch-transzendent: die Ewigkeit. Ohne das gefühlte Atmen der Geliebten kein - sinnlich-übersinnliches - Leben.

Entbrannter Stern, ständ ich so fest wie du!

Nicht strahlte ich mit ewig offnem Lid,

Um zu erkunden ohne Schlaf und Ruh

Als in die Nacht gebeugter Eremit,

Wie priesterhaft die reine See bespült

Der Erde Küsten, die von Menschen grau,

Und wie der Schnee herniedersinkt und kühlt

Mit sachter Maske Hochland, Moor und Au:

Nein - standhaft wohl und immerdar mir gleich,

Gebettet an der Liebsten zarte Brust,

Nur um zu fühlen endelos, wie weich

Sie fällt und schwillt, in rastlos süßer Lust

Fort, fort zu hören ihres Atems Gang:

Dies ewig - oder tot ein Leben lang!35

"Denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit",

heißt ein berühmter Vers Friedrich Nietzsches - in diesem eigentlich religiös-metaphysischen Sinne ist Keats ein Dichter der Lust. Moralische Unbeständigkeit der Geliebten ist ihm ein Greuel nicht wegen eines kleinlichen Anspruchs auf exklusives Eigentum an der Person, sondern weil sie die Qual an der Endlichkeit, der Vergänglichkeit verstärkt. In Liebe, Ruhm und Poesie versucht der romantische Dichter dieser metaphysischen Pein zu entgehen, indem er ihr Gestalt gibt. In der Liebe zu einer Frau ist diese Gestalt der Glaube an ihre Treue und Tugend auch gegen allen gegenteiligen Anschein des Realen, ein Glaube, der durchaus Züge theologischer Absurdität annehmen kann. Was den Ruhm angeht, so ist hier die Beziehung zur Ewigkeit offensichtlich: der Glaube an den Wert des eigenen Schaffens kann seine Bestätigung nur im absoluten Ruhm finden, der nur ein zeitloser Nachruhm sein kann; die wirkliche Reaktion des gegenwärtigen literarischen Publikums darf um des poetischen Genius willen keine Rolle spielen; es wird verachtet, ob es tadelt oder lobt. In der Dichtung wiederum sollen die strengsten klassisch-antiken Formen die Unabhängigkeit von der literarischen Mode behaupten und das absolute Überleben sichern.

Doch in allen drei Bereichen, in Liebe, Ehrgeiz und Poesie, erweist die Endlichkeit sich als stärker als das Absolute, und das nicht nur, weil der Dichter krank ist und keine Zeit hat. So sucht er inständig nach einem Halt jeseits dieser drei noch allzu irdischen Bestrebungen, nach Haltungen, die all das, was ihm im Leben am wichtigsten ist, transzendieren und ihn der verläßlichen Dauer versichern, die er so inständig vermißt. Gesellschaftliche Bindung kommt für den Dichter nicht infrage: er haßt alles, was nach "Häuslichkeit" aussieht und schreibt etwa an Fanny, die auf so etwas möglicherweise gehofft haben könnte:

"Gott verhüte, daß wir, wie die Leute es nennen, uns "niederlassen" - zu einem Teich werden, einem stagnierenden Lethe - einem verächtlichen Häuserhalbkreis, einer Gasse oder einem Gebäude. Besser unvernünftig beweglich sein als weise festgebannt."36

Auch die Festigkeit des standhaften "Ich", die Identität, die geachtete, charakterfeste "Persönlichkeit" ist für Keats eine gesellschaftliche Rolle, die er ablehnt um der Sensibilität willen, die für die unendliche Verwandlungskraft der Poesie notwendig ist.

Eher kultiviert der Poet die sinnliche Auflösung der Reste des bürgerlichen Ich in die augenblickshafte Wahrnehmung, die sensualistische Verschmelzung mit ihrem jeweiligen Gegenstand, wie es etwa die folgende Briefstelle andeutet:

"Nichts erstaunt mich über den gegenwärtigen Augenblick hinaus...;wenn ein Sperling vor mein Fenster kommt, so nehme ich an seinem Dasein teil und picke auf dem Kies herum."37

Traditionelle Religion, die eigentlich für die so heiß ersehnte Ewigkeit zuständig wäre, kommt für Keats nicht infrage. Der Dichter sucht nach einem eigenen, eher mystischen Ausweg, nach einem Zustand, der ihn, wie er sagt, "aus dem Denken lockt." Das ist es wohl, was er begehrt, wenn er "das Prinzip der Schönheit in allen Dingen" zu lieben behauptet.

Doch macht Keats bei der Schönheit nicht halt - fällt doch auch sie, gerade sie, der Vergänglichkeit anheim. Eine traditionelle Haltung gegenüber der Eitelkeit alles Irdischen ist die Melancholie - Robert Burtons "Anatomie der Melancholie" aus dem frühen 17. Jahrhundert war ein Lieblingsbuch von Keats. Der Dichter sieht sie als eine große Gefahr für seine Seele; seine "Ode an die Melancholie" ist eine einzige Warnung, sich nicht von ihr verführen zu lassen.

Nein, nein, geh nicht zum falben Lethefluß

Und saug kein Gift aus blauem Eisenhut,

Verweigre deine Stirn dem Schattenkuß

Proserpinas, noch schlürf ihr Traubenblut!

Flicht keinen Eibenbeerenkranz sodann,

Und Totenfalter sind dir nicht geschickt

Als Götterbild! Wie du auch bebst und bangst:

Nimm von der Eule kein Geheimnis an!

Denn Schatten stürzt auf Schatten und erstickt

Allmächtig deiner Seele wache Angst.

Denn wenn Melancholie vom Himmel fährt:

Geballte Wolke, die sich jäh ergießt,

Den matten Flor mit wilden Schauern nährt,

Aprilne Höhn in graues Glas verschließt -

Dann stärk dich an des Morgens rotem Gold,

An Regenbögen über Salz und Sand,

An der Päonie reichbemeßnem Rund,

Und zeigt sichs, daß die Herrlichste dir grollt,

Nimm ihre Hand, laß sie so süß entbrannt

Und weide dich an ihrem Aug gesund.

Sie haust bei Schönheit - Schönheit muß dahin! -

Und Glück, das immerdar mit Hand und Mund

Zum Abschied grüßt und weiß seit Anbeginn,

Genuß wird Gift und ätzt die Lippen wund.

Ach, selbst im Innern des Jubels blaut

Noch Schwermut, sinkt in Stein und Tempelgold -

Der weiß davon, der todeskühn den jähen,

Den Kern des Glücks am Gaumen sprengt und kaut:

Wild nimmt die Trauer seinen Geist in Sold

Und waffnet ihn mit düsteren Trophäen.38

"Genuß wir Gift und ätzt die Lippen wund", heißt es hier, und

in dem frühen Gedicht über die Phantasie "Fancy":

"Oh, sweet Fancy! let her loose;

Every thing is spoilt by use."39

Alle Dinge und Ideen werden durch ihren Gebrauch verdorben; das gilt in erster Linie für die Liebe in ihrem persönlichen oder gar gesellschaftlich-"häuslichen" Vollzug, aber auch für den Ruhm in der literarischen Wirklichkeit und sogar für die Poesie, die formuliert und veröffentlicht wird. Die ungehörte Musik ist schöner als die gehörte! Das, wonach der Romantiker strebt, ist in Wahrheit nicht die Geliebte, die Berühmtheit, das Gedicht, sondern das Begehren nach Liebe, nach Ruhm, nach Poesie. Die Wahrheit des Begehrens ist nicht seine Erfüllung; sie liegt in ihm selbst. Der Romantiker liebt die Liebe, er sehnt sich nach der Sehnsucht, er begehrt intensiv das intensive Begehren - denn das allein sichert ihm die Ewigkeit in der Zeit, die Unendlichkeit im endlichen Dasein, die sinnliche Erfahrung der Transzendenz.

Das ist das Thema des - vor allem wegen seiner programmatischen Schlußzeilen "Schönes ist wahr und Wahres schön" - berühmtesten Gedichts von John Keats: der

"Ode auf eine griechische Urne".

Du unberührte Braut verfallner Ruh,

Des Schweigens Kind, von sachter Zeit umringt,

Waldiger tiefer Mund, wie fabelst du

Noch lieblicher, als es mein Vers vollbringt:

O was für Mythen, die das Rund umziehn

Mit Himmlischen und Sterblichen zuhauf?

Schwebt Tempe, schwebt Arkadien vorbei?

Wer spürt die mördrisch stolzen Mädchen auf?

Welch dröhnende Verfolgung, glühend Fliehn?

Was schrillt und paukt? Welch helle Raserei?

Erlauschter Klang ist süß; noch Süßres sagt

Der stumme: Linde Pfeifen, stimmet an!

Nicht für das grobe Ohr, nein, schöner schlagt

Mit überstillem Spiel den Geist in Bann.

O Jugend, jauchzend rings in grünem Licht:

Dein edles Laubdach stürzt kein rauher Wind.

Du ungestüm Verliebter auf den Höhn:

Dein Mund küßt in die Luft - doch gräm dich nicht;

Nie schwindet sie, obgleich sie dir entrinnt,

Und immer liebst du, immer bleibt sie schön.

O glückliches Gezweig, so grün entbrannt:

Dein Laub verwelkt nicht, denn das Frühjahr währt!

Wie endlos selig pfeift der Musikant!

Sein frisches Spiel wird immer neu begehrt.

Noch glücklichere Liebe! Überglück!

Für immer glühend, glühend nach Genuß,

Für immer bebend und für immer jung,

Nicht bitter wie der Atmenden Geschick,

Das Elend schafft und finstren Überdruß

Und wiederkehrt mit Brand auf Stirn und Zung.

Wer zieht bekränzt herbei und opfert hier?

Der Blutstein grünt. O dunkle Priesterfaust!

Wie brüllt gen Himmel das geweihte Tier,

Die Flanken seidig und ihr Schmuck zerzaust!

Die Landstadt da, bei Strombett oder See,

Von gilber Zitadelle überragt,

Ist leer von diesen Frommen, diesem Glück.

Du Städtchen, werden deine Steige je

Das Schweigen brechen? Niemand kommt und fragt,

Weshalb du öd bist. Niemand kehrt zurück.

Attische Form! Du Werk nach edlem Maß

Aus Männern, Mädchen, marmorn aufgereiht,

Aus Walddorn, Lorbeer und zerstampftem Gras:

Verschwiegner Krug, o schöpf mir Ewigkeit!

O Hirtenlied von Gold, o blau umloht!

Verdirbt auch dies Geschlecht in kurzer Frist,

Du überdauerst Leid und Zeit und Tod,

Freundin des Menschen, lehre mein Gedicht:

"Schönes ist wahr und Wahres schön", dies ist,

Was ihr auf Erden wißt, mehr frommt euch nicht.40

John Keats wäre nicht der Dichter mit der unruhigsten und unzufriedensten Seele, würde er sich beruhigen bei dieser Lehre von der Einheit von Schönheit und Wahrheit und daraus vielleicht ein Programm machen, etwa das einer permanenten Transzendierung des Gegebenen in Richtung auf seine intensiv vorgestellte Möglichkeit. Auch "das Begehren des Begehrens" ist nicht sein letztes Ziel: der Kuß des ungestüm Liebenden in die Luft, der endlos selig pfeifende Musikant, die ewige Jugend - schließlich sind ihm sogar diese Bilder noch viel zu konkret. Der Dichter sucht nach einer noch erhabeneren und weniger schmerzverliebten Haltung, und er findet etwas, das wahrscheinlich ganz jenseits seiner psychischen und am Ende auch physischen Möglichkeiten stand, das er sich aber immerhin intensiv vorstellen konnte. Er findet einen "wahren Glückszustand" und nennt ihn: Lässigkeit. Oder auch: Muße. Oder gar: Faulheit - je nachdem, wie man "indolence" übersetzen möchte. Es gibt eine Briefstelle, die, auch wenn sie das Gedicht "Ode on Indolence" nicht erwähnt, doch als dessen Entstehungsgeschichte gelesen werden kann; darin beschreibt der Dichter einen morgendlichen Wachtraum:

"In diesem Zustand von Aufweichung sind die Fasern des Gehirns entspannt so wie der übrige Körper, und dies in einem so glücklichen Grade, daß Vergnügen nichts Verlockendes hat und Schmerz keine unerträgliche Bedrohlichkeit. Weder die Dichtung, noch der Ehrgeiz, noch die Liebe haben belebte Gesichtszüge, wie sie an mir vorüberziehen; sie erscheinen vielmehr wie drei Figuren auf einer griechischen Vase - ein Mann und zwei Frauen -, die niemand außer mir in ihrer Verhüllung erkennen könnte. Das ist der wahre Glückszustand."41

Und nun das Gedicht, die "Ode auf die Lässigkeit", das in einem Untertitel das Jesuswort von den Lilien auf dem Felde aus dem Matthäuskapitel zitiert:

"Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht."

Drei Wesen sah ich einst am Morgen ziehn,

Nur im Profil, die Nacken schön gesenkt,

In heitrer Reihe schritten sie dahin,

Sandalenleicht, mit Engelweiß behängt.

Bald schwanden sie wie marmorn figuriert

Auf einem Krug, den man versunken dreht,

Und tauchten auf, als hätte schattenhaft

Ein neues Wenden sie herbeigeführt...

Mir warn sie fremd - wie's dem mit Krügen geht,

Der buchstabiert in Phidias' Wissenschaft.

Wie kam's, daß ich euch, Schatten, nicht erkannt

Und vor dem leisen Mummenschanz erschrak?

Wars, daß ihr im geheimen darauf sannt,

Euch wegzustehlen, ohne mir den Tag

Hart auszufüllen? - Gülden war die Stunde,

In einem Glanz von Sommerlässigkeit

Verschwamm mein Aug, und meine Ader schlief,

Kein Stachel riß, kein Glück mir eine Wunde -

O warum ließet ihr nicht meine Zeit

So unverstört, wie sie ins Nichts verlief?

Die Angesichter flüchtig hergewandt,

So strich der Spuk ein drittes Mal vorbei;

Ihn zu verfolgen, ächzte ich entbrannt

Um Fittiche, denn ich erkannt die drei.

Zuerst die Lieb: ein Mädchen, zierlich hell,

Die zweite war der Ehrsucht bleiches Bild:

Ihr Aug, das brennend müde, schließt sich nie;

Die letzte, die ich desto höher stell,

Je mehr man über ihren Hochmut schilt,

Erschien mir als Dämonin Poesie.

Sie schwanden - ach, um Schwingen bat ich noch?

O Torheit! Was ist Liebe? Wo zu Haus?

Und powrer Ehrgeiz, geht dein Fieber doch

Von jedermanns geringem Herzen aus!

Du Poesie! Wen hast du je belohnt -

Mich nicht! - wie eines Mittags goldne Rast,

Wie Abende in schöner Lässigkeit?

O einen Zeitlauf, von Verdruß verschont,

Daß unbemerkt mir Mond um Mond verblaßt,

Der Lärm verrauscht von Schweiß und Nüchternheit!

Und nochmals zogen sie vorbei - warum?

Schlaf war mein Nachen, traumbenetzt sein Kiel,

Die Seele blumenübersprüht rundum,

Ein grünes Schachbrett: Licht- und Schattenspiel.

Fuhr auch kein Schauer durch den frühen Tag,

Sah ich von seiner Wimper Tränen wehn;

Ins Fenster hing der wilde Wein sein Haar,

Und Wärme strich herein und Drosselschlag;

O Schemen: Eine Zeit, um fortzugehn -

Es galt nicht euch, daß naß mein Auge war.

Lebt wohl, ihr drei, die ihr nicht heben könnt

Mein müßig Haupt, das kühl im Grase ruht:

Ich will kein Lob! Mir sei kein Part vergönnt

In einer Posse, die empfindsam tut!

Entflieht dem Blick, doch dreht euch noch einmal

Als Masken mit des Kruges Schmelz und Schein -

Fort, denn ich hüte Bilder für die Nacht

Und zarte für den Tag in Überzahl!

Verfliegt, Phantome, laßt mich außer acht,

Geht auf in Rauch und stellt euch nie mehr ein!42

Es zeigt sich - aber auch das ist natürlich nur ein Aspekt der so vielfältig schillernden, widersprüchlichen Gestalt des Poeten John Keats, der nach Ruhm strebt, aber die Berühmtheit verachtet - der sich nach Liebe verzehrt, aber die Frauen haßt und auch seine Geliebte beargwöhnt - der die menschliche Natur bewundert, aber die Menschen nicht mag - der für die Dichtung leben will, aber durchaus auch von Zweifeln geplagt wird, ob der romantische Dichter die Welt nicht nur quäle und das Böse noch schlimmer mache - ; es zeigt sich also, daß der Dichter der Intensität, des Begehrens um seiner selbst willen, daß dieser forcierte, mystische und manchmal ekstatische Romantiker auch noch eine ganz andere Sehnsucht kennt und bekennt: die nach einem angenehmen, nicht gerade arbeitslosen, aber doch unangestrengten Leben. Ausführlich handelt davon ein Brief an seinen Freund John Hamilton Reynolds vom Mai 1818:

Mein lieber Reynolds,

ich kann mir vorstellen, daß ein Mensch auf folgende Weise sein Leben sehr angenehm verbringen könnte - wenn er zum Beispiel an einem Tage eine Seite vollkommene Poesie oder verdichtete Prosa liest und darüber nachsinnt und sich in seinen Gedanken damit beschäftigt und darüber nachdenkt und sich alles eindringlich ausmalt und sich in Ahnungen darüber ergeht und davon träumt, bis es ihm fad wird. Aber wird es das je? Niemals! Wenn der Mensch eine gewisse Reife der Verstandes erlangt hat, so dient ihm jede großartige und geistvolle Stelle als Ausgangspunkt seiner Fahrt zu "allen zweiunddreißig Palästen". Welch ein Glück ist doch so eine "Reise in die Vorstellung", welch köstliche, emsige Lässigkeit. Ein Dämmerstündchen auf dem Sofa tut ihm keinen Abbruch, und ein Schläfchen im Klee zeugt himmlische Fingerzeige...

Nun, ich möchte meinen, daß jeder Mensch wie die Spinne aus seinem Innern heraus sich eine eigene luftige Zuflucht weben kann. An wenigen Blattspitzen und Zweigenden nur beginnt die Spinne ihr Werk, und sie erfüllt die Luft mit schönen Kreislinien. Der Mensch sollte sich mit ebenso wenigen Punkten begnügen, daran das feine Gewebe seiner Seele zu haften und eine himmlische Tapisserie weben, voll von Symbolen für sein geistiges Auge, ganz weich, wenn er sie im Geiste berührt, und weit, daß er im Geiste darin umherschweifen kann, und mit klaren Linien für seine Lust. Doch die Gemüter der Sterblichen sind so verschieden und zu so mannigfaltigen Zielen hingezogen, daß es auf den ersten Blick so aussehen mag, als könne es unter diesen Voraussetzungen unmöglich eine Gemeinsamkeit des Urteils und Verbundenheit bei nur zweien oder dreien geben. Dennoch ist das ganze Gegenteil der Fall. Die Gemüter gehen in verschiedene Richtungen auseinander, kreuzen sich an unzähligen Punkten und treffen sich schließlich am Ende der Reise aufs neue. Ein alter Mann und ein Kind reden miteinander, und der alte Mann wird auf seinen Weg geführt, und das Kind bleibt nachdenklich zurück.

Der Mensch sollte nicht streiten oder auf seiner Meinung beharren, sondern seinem Nachbarn nur leise von seinen Einsichten berichten, und wenn jede Faser der Seele so aus dem übersinnlichen Nährboden Kraft saugt, dann können alle Menschen großartig werden; statt ein weites Heideland mit Stechginster und Dornengestrüpp und einem einsamen Eichenbaum oder einer vereinzelten Kiefer hier und da, würde die Menschheit eine gigantische Demokratie von Waldbäumen!...

Zu diesen Gedanken, mein lieber Reynolds, regte mich die Schönheit des Morgens an, die auf einen müßigen Geist wirkte -

Ich habe noch kein Buch angeschaut. Der Morgen sagte: "Recht so." Ich dachte an nichts als den Morgen, und die Drossel sagte: "Recht so!" - schien zu sagen:

Du, dessen Antlitz fror im Winterwind,

Der Wolken, schwer von Schnee, im Nebel sah,

Und unter Eisessternen schwarze Ulmenkronen:

Der Frühling wird für Dich zur Erntezeit.

Du, dessen einz'ges Buch das Licht nur war

Des tiefsten Dunkels, und es nährte dich

In jeder Nacht, wenn Phoebos nicht mehr herrschte:

Zum dreifach hellen Tag wird dir der Frühling.

Härm dich nach Wissen nicht - ich habe keines.

Doch mit der Wärme kommt zugleich mein Lied.

Härm dich nach Wissen nicht - ich habe keines.

Jedoch der Abend lauscht. Er, der nach Muße

Sich traurig sehnt, kann selbst nicht müßig sein,

Und wach ist er, der sich doch schlafend glaubt.

Nun, ich weiß schon, all das ist bloße Sophisterei (wie nah es auch der Wahrheit kommen mag), um meine eigene Lässigkeit zu entschuldigen. So will ich mir nicht einreden, der Mensch gliche Jupiter, vielmehr sollt ich meinen, er kann zufrieden sein, wenn er so eine Art Aushilfsmerkur ist oder auch nur eine bescheidene Biene. Es spielt keine Rolle, ob ich recht hab oder nicht, ob's so ist oder nicht, wenn es nur dazu dient, Ihnen ein wenig die Zeit zu vertreiben.

Von ganzem Herzen Ihr Freund

43

Nachweise

1) Febr. 1820; Briefe an Fanny Brawn, München 1986, S. 79

2) John Keats, Gedichte, Frankfurt a.M./Leipzig (Insel) 1995, S. 40

3) März 1820; Fanny S. 90

4) Insel S. 41

5) Ode to Fanny; John Keats, Oxford 1990, S. 454

6) Insel S. 42

7) Brief an Bailey v. 18. Juli 1818; Fanny S. 160

8) Brief an Taylor v. 24. August 1819; Fanny S. 171 f.

9) Brief an Reynolds v. 3. Mai 1818; Fanny S. 148

10) Insel S. 28

11) Insel S. 23

12) zit. in: Briefe an Fanny Brawne, Umschlag

13) 17. August 1819, Fanny S. 55

14) Fanny S. 176

15) Letters I, 387; zit. in: Helmut Viebrock, Schöpferischer Identitätsverlust, Wiesbaden 1984; S. 198

16) Brief an Dilke v. 21. September 1818; Letters I, 369; zit. Viebrock a.a.O., S. 199

17) Brief an Woodhouse v. 27. Oktober 1818; Letters I, 386 f.; zit. Viebrock, a.a.O., S. 197

18) Brief an Bailey; Fanny S. 130

19) zit. v. Erich Zauner, Muse oder Antimuse, Wien 1990, S. 7

20) Brief an Bailey v. 22. November 1817; Fanny S. 131 ff.

21) John Keats, Gedichte, München 1995 (Manesse), S. 201

22) Brief v. 27. Dezember 1817; Letters I, 192; zit. Viebrock, a.a.O., S. 209)

23) Oxford-Ausg. S. 61

24) Brief v. 5. Juli 1820; Fanny S. 111 f.

25) Brief vom August 1820; Fanny S. 119

26) Mai 1820; Fanny S. 105 ff.

27) Insel-Ausg. S. 37

28) August 1820; Fanny S. 118 f.

29) Insel-Ausg. S. 31

30) 17. August 1819, Fanny S. 58

31) 3. September 1819; Fanny S. 59 f.

32) zit. in: Fanny, Umschlag

33) 13. Oktober 1819; Fanny S. 64

34) Insel-Ausg. S. 34

35) Insel-Ausg. S. 35

36) 15. August 1819, Fanny S. 52

37) Brief an Bailey; Letters I, S. 186; zit. Viebrock, a.a.O., S. 200

38) Insel-Ausg. S. 51

39) Oxford-Ausg. S. 249

40) Insel-Ausg. S. 53 ff

41) Brief v. 19. März 1819, Letters II, 78 f.; zit. Viebrock a.a.O., S. 206

42) Insel-Ausg. S. 48

43) Brief an Reynolds v. 19. Februar 1818; Fanny S. 137 ff.

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