Lemgo (uhe). Standing ovations! Bravo-Rufe! Applaus, daß die Halle bebte.
Wie konnte es gelingen, das spröde, seriöse Lemgoer Konzertpublikum im neuen Foyer der Kirche
St. Johann so aus der Reserve zu locken? Harry's Freilach, die Berliner Gruppe unter Leitung
des Klarinettisten Harry Timmermann, spielte Klezmer-Musik.
Klezmer war die religiöse gestimmte, chassidisch-ausgelassene Musik im ostjüdischen Shtetl
des 19. Jahrhunderts. Ein Klezmer: ein Musiker, der mit seinem Instrument singen,
schluchzen, grummeln und lachen konnte. Über einer melancholischen Grundstimmung entfaltet
sich die Melodie ekstatisch-wild, versonnen, tragisch, herzergreifend oder einfach "nur"
fröhlich. Voraussetzung dafür, daß der Funke überspringt, ist, daß die Musiker sich öffnen,
anstatt sich zu produzieren. Und das tat nicht nur Harry Timmermann, der mit dem ganzen
Körper an der Klarinette hing. Der sich, getrieben von den Wünschen des Instrumentes, bog und
wiegte und dabei Melodien vom leisesten Flüstern bis zum
verzweifelten Aufschrei erzeugte.
Auch Alexander Danko lauschte in sein Bajan, das
russische Knopfakkordeon, hinein, und was die Zuhörer von diesem Zwiegespräch mitgeteilt bekamen,
war äußerst hörenswert. Auf engstem Raum tanzte Robin Draganic mit seinem Kontrabaß, zupfte wie
selbstvergessen die Saiten oder entlockte ihnen zärtlich-sprödes,
dunkles Singen. Was Cordula Severit, die Percussionistin, aus Schellentrommel oder Darabukka
an unterschiedlichen Klangfarben holte, war phänomenal. Wer die Augen schloß, konnte glauben,
sie nütze ein umfangreiches Schlagzeug.
Und die Reaktion des Publikums? Schon nach den ersten, etwas verhaltenen Stücken
leuchteten die Gesichter. Füße wippten, Köpfe, Hände, Schultern zuckten im Rhythmus.
Nur wenigen gelang es, sich zu beherrschen.
Nach der Pause drehten die Musiker noch etwas mehr auf: Ineinander über gingen Langsamer Walzer,
orientalischer Tanz, Trinklied (mit Schluckauf!) und zarteste Liebeswerbung.
Die gute Akustik des neuen Foyers der Kirche St. Johann unterstützte auch die verhaltenen Töne.
Die Zuhörer ließen sich mitreißen, nahmen jede Stimmung auf und ließen die vier Musiker auch nach
zweieinhalb Stunden nur mit Bedauern von der Bühne.
Foto: Heer