"Der eine Teil heißt 'Afrikanische Tiere bei Tag' der andere 'Afrikanische Tiere bei Nacht'. Die Platte, die 'Afrikanische Tiere bei Nacht' heißt, schildert von Anfang an rein akustisch einen Löwen, der auf Raub ausgeht, dann seine Begegnung mit seinem Beutetier, einem Zebra, das er erbeutet. Man hört also das Pfeifen eines Zebras und dann alle möglichen Tiere, die hinzukommen, Vögel, Elefanten, dann um die Leiche des Zebras die Aastiere. Da kommt nun die Stimme eines Cheetah, eines Servals, eines Schakals, verschiedene Hyänen, wobei die eine Hyäne - sie hat eine Stimme wie ein Lachen - lacht. Die Platte endet mit dem Lachen eines Irrsinnigen, das die Stimme dieser Hyäne ist.
Das hat nicht nur als Ereignis die Form eines Dramas, denn es ist eine Jagd, die Erlegung eines Tieres, sondern ist auch stimmlich ganz das. Ich hatte das Gefühl, das ist das größte Dokument, das mir je untergekommen ist für das, was ich mit einem Drama - das muß natürlich übersetzt werden und ist viel konplexer - will"2.
In der Tat ist dies ein Gedanke, der der Erläuterung bedarf.
Der stufenweisen Vermenschlichung der Hyäne - vom Vergleich:
"sie hat eine Stimme wie ein Lachen", über die
Metapher: "die Hyäne ... lacht", bis zur Identiflkation:
die Stimme der Hyäne ist das Lachen eines Irrsinnigen
-, korrespondiert andererseits die Rückführung eines
spezifisch Humanen, des Kunstprodukts "Drama", auf einen
Vorgang unter Tieren, die Jagd. Ich denke nun, daß diese
enge Verklammerung des Menschlichen mit dem Tierischen in Canettis
Anschauung nicht nur für seine Dramentheorie von Bedeutung
ist, sondern auf eine Wahrnehmungs- und Darstellungsweise führt,
die für das ganz" Werk Canettis grundlegend ist. Meine
These ist, daß der Begriff des "Tierischen", wie
Canetti ihn auffaßt, zur Vermittlung geeignet ist zwischen
seiner - vor allem in "Masse und Macht" und in den "Aufzeichnungen"
dargelegten - Anthropologie und seiner Poetik literarischer und
autobiographischer "Figuren".
Was Ödipus für Freud, für Marxisten der Klassenkampf,
für Christen die Bibel, das ist für Canetti die Jagd:
zentrales Paradigma menschlichen Handelns, Horizont seiner Interpretation.
Alle anthropologischen Grundkategorien: Masse, Meute, Macht, Verwandlung,
Überleben, lassen sich auf die Ursituation des Jagens beziehen,
aber auch in den poetologischen Grundbegriffen Canettis: Maske,
Figur, Drama, bleibt dieser Bezug erkennbar. Canettis Lebenswerk
ist darauf gerichtet nachzuweisen, daß wir noch die Jagdgesellschaft
sind, die wir durch Kultur und Zivilisation meinen überwunden
zu haben; daß wir alle "auf einem Haufen von Toten
sitzen, Menschen und Tieren, daß unser Selbstgefühl
seine eigentliche Nahrung aus der Summe derer bezieht, die wir
überlebt haben", daß in uns "das Massengrab
der Geschöpfe" liegt. Dies ist "die große
und unlösbare Zerklüftung der, modernen Menschen",
nämlich: zu wissen, daß das Jenseits "in uns...
gefangen ist, daß keine Religion, die das Glück "auf
eine Ferne" bezieht, der Einsicht standzuhalten vermag, daß
es unmöglich ist",nicht"vom Tode der anderen Geschöpfe
zu leben" (PdM 183).
Gleichwohl ist die Suche nach dem"Jäger in uns" in Canettis Werk auch eine nach Formen, in denen Massen- und Machttrieb ihre"Stachels" (MM 543) beraubt werden, in denen sie vor allem nicht mehr töten müssen. Nicht um "Sublimierung" geht es dabei, kulturelle Verfeinerung und Auflösung des Triebhaften, aber doch um eine Umlenkung des Überlebenswunsches ins Geistige, die schließlich zu einer Umkehrung führen soll, der Rettung des Lebendigen im Wort.
Das ist der Sinn von Canettis "Glauben an literarische Unsterblichkeit" (MM 318). Der Dichter hat nicht nur "verschmäht, zu töten", er "hat alle, die mit (ihm) waren, mitgenommen in jene Unsterblichkeit, in der alles wirksam wird, das geringste wie das größte" (MM 319). Der Dichter rettet alle, mit denen er gelebt hat, indem er sich, noch als Toter, zur Nahrung der Lebenden gibt. In literarischen Werken "bieten sich die Toten als edelste Speise dar. Ihre Unsterblichkeit kommt allen Lebenden zugute: in dieser Umkehrng des Totenopfers fahren alle wohl. Das Überleben hat seinen Stachel verloren, und das Reich der Feindschaft ist zuende" (MM 319).
Bevor der Dichter jedoch sich zur Speise gibt, ist er
selbst erst einmal Jäger: auf der Jagd nach Lebenden, allerdings
nicht, um sie zu vernichten, auch nicht, um sie bloß zu
sammeln (GdW 287), sondern um sie lebend aufzunehmen und in seinem
Werk lebendig zu erhalten.
Es ist der in der Stadt herumstreunende Beobachter und Lauscher,
als der Canetti sich immer wieder dargestellt hat, auf der Suche
nach Gestalten, die er als individuelle Geschöpfe wahrnimmt,
lebendige vielfältige Wesen von faszinierender Eigenart;
und da passiert es in der Wahrnehmung ganz von selbst, daß
sich die Menschen, denen er begegnet, in Tiere verwandeln. "Wenn
ich in einer Stadt frei umhergehe", schildert Canetti in
dem erwähnten Gespräch mit Durzak, "so wie ich
damals in Wien herumging, also ohne Absicht, hatte ich eigentlich
den Eindruck von lauter Tierstimmen, aber von Tierarten, die man
nicht kennt. . ."3.
Zweck- und Absichtslosigkeit ist die Bedingung für ein
freies Aufnehmen der Gestalten, für die Aufmerksamkeit auf
die Fremdartigkeit, den spezifischen Reiz einzelner Menschen;
jede innere Regung des Hörenden würde ihn vernichten,
würde zu ungewünschten Vernischungen führen, die
Reinheit im Umriß der Gestalt, in der Prägnanz der
Stimme beeinträchtigen: auch dies hat der Dichter mit dem
Jäger gemein, der "durch keine Bewegung seine Gier"
verraten darf. Die Schule des Lauschens ist eine der Zurückhaltung,
des Verschwindens des Jäger vor seiner Beute. "Diese
Art des Hörens war nicht möglich ohne Verzicht auf eigene
Regungen. Sobald man in Gang gebracht hatte, was sich hören
ließ, trat man zurück und nahm nur noch auf und durfte
sich darin durch kein Urteil, keine Empörung, kein Entzücken
hindern lassen. Wichtig daran war die unerfälschte, reine
Gestalt, daß sich keine dieser akustischen Masken (wie ich
sie später nannte) mit der anderen vermischte" (F 208).
Ansprüche der anderen, aber auch eigene an sie, Empfindungen,
die nach Kontakt und Vermischung drängen, müssen niedergehalten
werden. Aufschlußreich für diese Abwehrhaltung und
den Schutz, den sie gewährt, ist eine Notiz aus dem Jahre
1965. Der Dichter sitzt an einem Tisch in einem kleinen Raum und
fühlt sich bedrängt von mehreren, sehr jungen Leuten.
"Ich halte ihnen bloß stand, weil ich sie belausche.
Sie ahnen nicht, das es Vereinzeltes zu belauschen gibt, sie fühlen
sich hier als ein Allgemeines. Ihre Mädchen sind ihnen ergeben.
Gefällt mir etwa eine von ihnen? Ich weiß es nicht,
ich weiß nichts. Ich erlebe, was ich als Meute erdacht habe"
(PdM 239).
Der Lauscher weiß nichts und will nichts wissen, und
er will nicht reagieren, weder auf eigene Gefühle noch auf
die Ansprüche anderer, er will erfahren, aber ohne zu fragen
und ohne zu antworten; belohnt wird er damit, daß er das
erlebt was er "erdacht" hat: es sind Tiere. Er belauscht
Vereinzeltes und erfährt: die Meute, sein "Allgemeines".
Der Verwandlung des Menschen Elias Canetti in den lauschenden
Jäger korrespondiert eine Verwandlung der Menschen seiner
Umgebung in "akustische Masken", die er erbeutet.
"Wenn ich in ein Nachtcafé kam, wo die Gelegenheit
zu hören eine günstige war, blieb ich lang, bis zur
Sperrstunde um vier Uhr früh, und gab mich dem Wechsel der
eintretenden, fortgehenden, wiederkehrenden Figuren hin. Ich machte
mir den Spaß, die Augen zu schließen, als ob ich halb
schliefe, oder mich zur Wand zu kehren und nur noch zu hören.
Ich lernte es, die Leute nach dem Gehör auseinanderzuhalten.
Daß jemand das Lokal verließ, sah ich nicht, aber
ich vermißte die Stimme, und sobald ich sie wiederhörte,
wußte ich, er ist zurückgekommen. Wenn man die Wiederholung
nicht scheute, wenn man sie voll und ohne Mißachtung aufnahm,
erkannte man bald einen Rhythmus des Redens und Widerredens; aus
dem Hin und Her, aus der Bewegung akustischer Masken bildeten
sich Szenen..." (F 336).
Die Stimmen, aus denen der Lauscher die "akustische. Masken"
abstrahiert, bleiben die Tierstimmen, die er im Gedränge
vernommen hat: er hört ja nicht auf das, was sie sagen,
sondern auf ihre Ausdrucksweise und das tierisch Individuelle
an ihr. Eine ausführliche Schilderung eines solchen Wahrehmungsvorganges
gibt Canetti in dem erwähnten Gespräch mit Durzak.
"Gehen Sie in ein Volkslokal,. . ., setzen Sie sich an
irgend einen Tisch und machen Sie die Bekanntschaft eines Ihnen
wildfremden Menschen ... Sobald er ... ins Sprechen gekommen ist,.
. ., halten Sie einmal konsequent den Mund und hören Sie
ihn sich einige Minuten hindurch genau an. Unternehmen Sie
keinerlei Versuch, ihn zu verstehen, forschen Sie nicht nach
dem, was er meint, fühlen Sie sich nicht in ihn ein - achten
Sie ganz einfach auf das Äußere seiner Worte ... Da
werden Sie nun finden, daß Ihr neuer Bekannter eine ganz
eigentümliche Art des Sprechens an sich hat . . ., seine
Sprechweise ist einmalig und unverwechselbar. Sie hat ihre eigene
Tonhöhe und Geschwindigkeit, sie hat ihren eigenen Rhythmus
... Überhaupt besteht seine Sprache nur aus fünfhundert
Worten ... Sie können ihn, wenn sie gut zugehört haben,
das nächste Mal an seiner Sprache erkenne., ohne ihn zu sehen.
Er ist im Sprechen so sehr Gestalt geworden, nach allen Seiten
hin deutlich abgegrenzt, von allen übrigen Menschen verschieden,
wie etwa in seiner Physiognomie, die ja auch einmalig ist. Diese
sprachliche Gestalt eines Menschen ... nenne ich seine akustische
Maske"' (Hervorhebung H.T.).
Die physiognomische Reduktion eines Menschen auf die Gestalt
seiner spezifischen Redeweise ist eine Verandlung dieses Menschen
in ein Tier, das Tier, das er ist, einziges Exemplar seiner Gattung.
Der physiognomische Jäger erbeutet animalische Individualitäten.
Den Erlebnisursprung seines Begriffs der "akustischen
Maske" schildert Canetti in der "Fackel im Ohr,"
als eine doppelte Beobachtung, einmal an Schwalben, dann an einem
Hemdenerkäufer, der seine Waren anpreist:
"Ein Bedürfnis nach solchen Masken, ihre Selbständigkeit
sozusagen empfand ich, glaube ich, in St. Agatha zum erstenmal,
im Sommer 1926, als ich den Schwalben Stunden um Stunden zusah,
ihrer raschen, leichten Bewegung, und die immer gleichen Laut
hörte, die sie dabei von sich gaben. Diese Laute ermüdeten
mich trotz ihrer Wiederholung nie, so wenig wie die wunderbaren
Regungen ihres Flugs. Vielleicht hätte ich sie später
vergessen, aber dann kam die Kirchweih mit dem Hemdenverkäufer
unter minem Fenster und sein immergleicher Ausruf: Heut is mir
alles eins, ob i a Geld hab oder a keins!' (... ) Eine
Wiederholung schien wie die andere, alles war Wiederholung, die
Laute, von denen man nicht loskam, bestanden aus Wiederholung,
und obwohl es eine falsche Maske war, die der Hemdenverkäufer
sich aufsetzte, . . ., machte mir doch sein konsequenter Gebrauch
dieser Maske, in Verbindung mit den inmergleichen, aber natürlichen
Lauten der Schwalben einen solchen Eindruck, daß die Suche
nach Redeweisen später, sobald ich wieder in Wien war, zu
rastlosen nächtlichen Gängen durch die Straßen
und Lokale der Leopoldstadt führte" (F 208f.).
Daß es gleichgültig ist, ob die "Maske"
eine falsche ist, ob der "Hemdenverkäufer" in "Wirklichkeit"
ein "Jus-Student" ist oder nicht, weist schon daraufhin,
daß etwas spezifisch Menschliches: die Möglichkeit
der Täuschung nämlich, vom Masken-Jäger nicht erfahren
werden kann. Was zählt, ist die Gestalt der Individualität,
nicht Absichten und Rollenunterschiede. "Physiognomische"
Wahrnehmung bedeutet die prinzipielle Annahme einer natürlichen
Verbindung von Innerem und Äußerem, Brüche zwischen
dem, was einer denkt, und dem, was er spricht und tut, kommen
so nicht in den Blick; wie auch bei einem Tier nicht interessiert,
ob es jenseits seines Verhaltens noch etwas anderes wollen, jenseits
seiner Gestalt noch anderes sein könnte.
Interessant ist nun die Insistenz auf den Begriff der Wiederholung
als Identifikationsmerkmal der "akustischen Maske".
Canettis Beobachtungsverfahren erinnert so zunächst an das
eines Ethnologen, der eine fremde Sprache erlernen will; auch
dieser muß auf diejenigen Elemente dessen, was er hört,
eine besondere Aufmerksamkeit wenden, die sich ähnlich anhören:
sie könnten Gleiches bedeuten oder zumindest gleiche Funktionen
im Satzbau erfüllen; es könnte sich also um dieselben
Wörter handeln. Doch dies ist eine Täuschung: Der Dichter
ist gerade nicht an der Sprache interessiert, nicht an den Wiederholungen,
die die "langue" strukturieren, sondern ausschließlich
an der "parole"', dem Sprechen. Die Wiederholungen interessieren
ihn nicht als konstitutive Elemente eines Zeichensystems, sondern
als "natürliche" Kennzeichen von Individuen. Diese
will er dem "System"ja gerade abjagen! Individuen in
ihrer Einzigartigkeit aufzunehmen - und Menschenwahrnehmung ist
für den Jäger Canetti immer schon ein "Aufnehmen",
ein Einverleiben anderer in die eigene Individualität (vgl.
gZ 211) - sie als scharf begrenzte Gestalten dem Chaos des Stimmengewirrs
und dem Zugriff von Systemen und Konventionen zu entreißen:
darauf zielt der Lauscher, der nicht Sprachen, sondern "Menschen
erlernen" (F 292) will."Soziolinguisitik" ist dieses
Verfahren nicht, und auch nicht "Psycholingiustik";
denn diese Wissenschaften sind schon als solche dem Allgemeinen
verpflichtet und interessieren sich für die gesetzmäßigen,
überindividuellen Wiederholungen und nicht für das Individuum
als solches. Canettis Ohr versucht, das aufzuspüren, was
noch nicht kulturell "codiert" ist. Die unverwechselbare
Gestalt eines einzelnen, seine "Physiognomie", ist gerade
das, was er mit anderen seiner Kultur, Subkultur oder Gesellschaft
nicht teilt, ja streng genommen nicht einmal das, was ihn
als der Gattung "Mensch" zugehörig kennzeichnet.
Wissenschaftlich ist sie nicht erfaßbar.
Das (hypothetische) Gegenteil einer individuellen Gestalt wäre
ein Mensch, der nur noch aus "Strukturen" bestünde
- , an ihm gäbe es nichts für den Dichter Canetti Interessantes
mehr; er hätte alles "Tierische" völlig aufgegeben.
"Du bestehst nur noch aus Strukturen. Bist du geometrisch
geboren, oder hat dich die Zeit gepackt und in ihre rettungslos
geraden Formen gezwungen? Kennst du das große Geheimnis
nicht mehr? Das Geheimnis des weiteren Weges?" (PdM
206) lautet ein satirischer Aphorismus Canettis aus dem Jahre
1960.
Doch was gibt es zu hören jenseits sprachlicher "Strukturen",
jenseits von konentionellen Systemen, seien sie verbal oder nonverbal?
Ist der "weiteste Weg", der zu einem Ort "viel
tiefer als die Mütter" (B 365) führen müßte,
nicht endgültig verbaut? Zeigen die Fortschritte in den semiotischen
Disziplinen, seien es Psychoanalyse oder Ethnologie und alle "Kommunikationswissenschaften",
nicht, daß es jenseits der "Codes" immer noch
andere kulturelle Systeme, immer nur andere Codes zu entdecken
gibt, daß es jenseits kultureller "Gestaltung, Umgestaltung,
des ewigen Sinns ewige Unterhaltung"' für den Menschen
keine irgendwie auszumachende erste Natur gibt? Canettis gesamtes
Werk ist von dem Impuls motiviert, daß eine solche Perspektive
auf das Menschliche, die der Rettung individueller Gestalten vor
den überindividuellen Gestaltungen, dienen soll, möglich
und sinnvoll ist: sein Kampf gegen die Anerkennung des Todes ist
gleichzeitig ein Kampf gegen die systematische Vereinnahmung des
Individuellen und, damit logisch erbunden, gegen die Arbitrarität
der Zeichen.
Zu Canettis "physiognomischer Wahnehmung" gehört
sein Glaube an die Integrität der Worte und Gedanken, sein
Widerstand gegen die "Zerbrecher der Sprache" (PdM 293).
Zwar: mehr als die Worte bedeuten ihm die Mythen, da sie, bei
aller Lust an Verandlungen, die "Gestalten" unangetastet
lassen, das unterscheide ihn, notiert er 1947, etwa von Joyce.
"Aber ich habe auch eine andere Art Respekt vor Worten.
Ihre Integrität ist mir beinahe heilig. es widerstrebt mir
sie zu zerschneiden ... Das Unheimliche, das in den Worten enthalten
ist, ihr Herz, will ich ihnen nicht herausreißen wie ein
mexikanischer Opferpriester; diese blutigen Manieren sind mir
verhaßt. Es soll sich nur an Gestalten darstellen, immer
nur auf sie bezogen, nie auf Worte unter sich. Worte allein, ohne
den Mund, der sie ausgesprochen hat, haben für mich etwas
Schwindelhaftes . . ." (PdM 104).
Bezeichnend für Canettis Affekt gegen analytische Destruktionen ist es,wie Canetti hier Worte rnetaphorisch in Lebewesen verwandelt, die es vor ihrer Ertötung zu schützen gilt, um sie dann mit den "realen" Lebewesen zu verbinden, denen sie zugehören, den sprechenden "Gestalten".
Canetti glaubt an letzte Elemente der Sprache, die nicht mehr
gespalten werden dürfen; ein solches letztes Element, das
in der Verbindung zum Sprecher verbleiben muß, ist ihm der
"Ruf".
"Als Dichter lebe ich noch in der Zeit vor der Schrift,
in der Zeit der Rufe' (PdM 104).
Gerald Stieg hat die Autobiographie Canettis mit der im Jahre
1979 erschienenen Lebensbeschreibung des Biochemikers Erwin Chargaff
"Das Feuer des Heraklit" verglichen; von Chargaff stammt
der Satz:
"Zwei verhängnisolle wissenschaftliche Entdeckungen haben mein Leben gezeichnet: erstens die Spaltung des Atoms, zweitens die Aufklärung der Chemie der Vererbung. In beiden Fällen geht es um Mißhandlung eines Kerns: des Atomkerns, des Zellkerns"9
.
Die "Gestalt", lebendige, wenn auch notwendig einseitige
Figur, ist für Canettis physiognomische Wahrnehmung wie für
seine Poetik ein solcher letzter Kern, dessen Zerstörung
ein Einverständnis mit dem Tod bedeuten würde. Sein
Kampf gegen den "Balken" zwischen Signifikant und Signifikat
(de Saussure), gegen die Vorherrschaft des Signifikanten (Lacan)
gar, den Canetti führt, drückt sich besonders in seiner
"Namensgläubigkeit" (gZ 135) aus, seiner affektiven
Auffassung, daß Name und Gestalt einer Person oder literarischen
Figur untrennbar miteinander verbunden seien.
Nicht genug wundern kann er sich darüber, daß Karl Kraus einfach nur Karl Kraus heißt (F 65), und der Name "Veza" nimmt ihn gleich für seine spätere Frau ein (F
67). Die Zerlegung und Erklärung von Namen fürchtet er mehr als Mord (PdM
173). Zu Canettis Affekt gegen zergliederndes, tötendes Analysieren gehört auch
die "Angst vor der Aristotelisierung meiner Gedanke, vor
Einteilungen, Definitionen und ähnlichen leeren Spielereien"
(PdM 172): auch Gedanken sind solche letzten, lebendigen Einheiten
mit einem Recht auf den Schutz ihrer Integrität. Die Bedeutungen
der Worte und Sätze, sofern sie nicht unmittelbar mit der
Individualität des Sprechenden erbunden werden können,
verwirren den physiognomischen Gestaltenjäger; von der Arbitrarität
des Zeichens" will er nichts wissen, ebensowenig wie von
der Selbständigkeit der Schrift. Konsequenterweise imaginiert
er sich einen Zustand, in dem er dadurch zu Erfahrungen und Erkenntnissen
gelangen würde, daß er nichts mehr verstünde.
In den "Stimmen von Marrakesch" findet sich der Satz:
"Ich träume von einem Mann, der die Sprachen der
Erde verlernt, bis er in keinem Lande mehr versteht, was gesagt
wird" (S 23).
Der Erzähler ersucht nicht, eine der Sprachen des bereisten Landes zu erlernen; er will
"nichts von der Kraft der fremdartigen Rufe verlieren.
Ich wollte von den Lauten so betroffen werden, wie es an ihnen
selber liegt, und nichts durch unzulängliches und künstliches
Wissen abschwächen" (S 23).
Das, was der Reisende wissen könnte, beträfe die
Bedeutung der Wörter; er will jedoch nur Rufe und Laute hören,
sie sind die Artikulationen des Lebens, nicht der Kultur.
Blinde Bettler, die beständig 'Allah, Allah' rufen - ein
Wort, um das der Reisende nicht herumkam -, bezeichnet
er als die "Heiligen der Wiederholung" (S 26); und am
Ende begegnet ihm ein Bündel an der Grenze des Lebendigen,
das nur noch einen einzigen Laut ausstößt, "ä-ä-ä-ä-ä":
"Aber es lebte, und mit einem Fleiß und einer Beharrlichkeit
ohnegleichen sagte es seinen einzigen Laut, sagte ihn Stunden
und Stunden, bis er auf dem ganzen weiten Platz der einzige Laut
geworden war, der alle anderen Laute überlebte" (S 122).
Dies ist nun das zweite Moment in der akustischen Welterfahrung Canettis: Laute und Rufe faszinieren ihn, weil sie Leben anzeigen. Eine ähnliche Regung wie beim Anblick und Hören des Krüppels ergreift den Erzähler, als er bei einem halbtoten Esel bemerkt, daß sich dessen Lust noch regt und ragt (S 106).
Es ist wiederum der umgekehrte "Jäger", der
hier zum Vorschein kommt: einerseits muß er sein Objekt
als eindeutig begrenztes, indiiduelles Wesen ausmachen; das zweite,
das ihn interessiert, ist, daß es sich um ein 1ebendes
Wesen handelt. Im moralischen, zwischenmenschlichen Bereich
bedeutet diese Haltung, die das Leben schon ehrt um des Lebens
willen, das Gebot völliger Toleranz bis zur Selbstaufgabe,
solange nicht der Tod in irgendeiner Weise akzeptiert wird.
Nachdem ihm eine Freundin gestorben ist, notiert Canetti:
"Wäre es möglich, daß Ihr Tod mich von
Eifersucht kuriert hat? Ich bin gegen die Menschen, die ich liebe,
toleranter geworden. Ich wache weniger über sie, ich gönne
ihnen ihre Freiheit. Ich denke nur: tut dies, tut jenes, tut was
euch Freude macht, wenn ihr nur lebt, tut, wenn es sein muß,
alles Mögliche gegen mich, kränkt mich, betrügt
mich, schiebt mich beiseite, haßt mich , - ich erwarte nichts,
ich will nichts, nur das Eine: daß ihr 1ebt " (PdM
158).
Auch hier, wo es um menschliche Handlungen geht und nicht um
wahrgenommene Gestalten, zeigt es sich, daß der Beurteiler
sich ebenso außerhalb seines Lebens stellen muß wie
der Beobachter, daß er von sich absehen muß, will
er die Gleich-Gültigkeit allen Lebens angesichts des allen
gemeinsamen Feindes: des Todes erfahren.
Natürlich ist der physiognomische Blick des "Jägers",
der von der Vielfalt der Geschöpfe und ihrer Lebendigkeit
fasziniert ist, den nichts mehr, interessiert, als Leben zu bewahren,
unhistorisch und undialektisch; ich möchte die Perspektie
Canettis "prähistorisch" nennen. An der Geschichte
stört ihn die Parteinahme fürs Geschehene, für
diejenige unter den vielen Möglichkeiten, die überlebt
hat (PdM 138); außerdem sei in ihr zuwenig von den Tieren
die Rede (PdM 53). Eine Auseinandersetzung mit Dialektik, sei
sie historisch-materialistisch oder hermeneutisch, findet nicht
statt; zu offensichtlich sind ihm wohl die Rechtfertigungen des
Todes, die sie methodisch impliziert wie alle religiösen
und philosophischen Systeme. Da alle Sinn-Systeme letztlich den
Tod legitimieren, lehnt Canetti sie alle ab: in dieser Hinsicht
ist ihm alles gleich-ungültig. Das Leben ist sein Grundwert,
gerade weil es sinn-los ist, weil es keine transzendente Bestimmung
zuläßt, nur auf sich selbst bezogen wrden kann. "Deutung"
des an Menschen und ihren Verhaltensweisen Wahrgenommenen heißt
dann konsequenterweise für Canetti nicht die Einrückung
in einen wie immer gearteten Überlieferungsstrang, aber auch
nicht der Protest dagegen im Namen eines bisher noch nicht genügend
zur Geltung gekommenen Wertes - es sei denn dem des Lebens selbst
-, sondern Rückführung auf die kollektiven Erfahrungen
der "Jagdgesellschaft": Erkundung von Lebensmöglichkeiten,
die scheinbar im Laufe der Kultur- und Zivilisationsgeschichte
aufgegeben worden sind, und Aufdeckung von Machtverhältnissen
und Massensehnsüchten dort, wo sie sich hinter Kultur und
Zivilisation verstecken. Canetti forscht nach diesen Spuren in
der Geschichte aller Kulturen (F 238), vor allem aber in
den Mythen, die von dem handeln, was ihn am meisten fasziniert,
weil es am stärksten dem Tod widerspricht: der Verwandlung.
Von Buschmännern und Springböcken
Canetti hält die Fähigkeit zur Verwandlung für
das zentrale Authropologicum, für das, was Menschen von Tieren
wesentlich unterscheidet, wichtiger noch als Arbeit oder Sprache.
Der Bezug zur Jagdgesellsellhaft ist offenkundig: hier lernte
der Mensch, sich in die Tiere seiner Umgebung einzufühlen.
Eine Verwandlung zum Zwecke der Täuschung ist allerdings
schon eine durch den Trieb nach Macht pervertierte Verwandlung;
Canetti nennt diese "dem Machthaber bis zum heutigen Tage
geläufige" Form "Verstellung", "die freundliche
Gestalt, in der sich eine feindliche verbirgt" (MM 425 ff.).
Nicht um ihren Einsatz zur Machtausübung geht es Canetti,
sondern um eine Rettung der Verandlungsfähigkeit als eines
Grundvorgangs der Verständigung; denn "nur durch Verwandlung
... wäre es möglich zu fühlen, was ein Mensch hinter
seinen Worten ist, der wirkliche Bestand dessen, was an Lebendem
da ist, wäre auf keine andere Weise zu erfassen", wie
Canetti in seiner Rede "Der Beruf des Dichters" ausführt,
wo er den Dichter als den "Hüter der Verwandlungen"
bezeichnet (GdW 285 f.). Es geht also auch hier um den Bestand
des Lebendigen und dessen verstehende Bewahrung.
Die ersten Gegenstände der Verwandlung waren Tiere. in der ungeheuer großen Zeitspanne, während der er (der Mensch) in kleinen Gruppen lebte, hat er sich durch Verwandlung alle Tiere, die er kannte, gewissermaßen einverleibt. An dieser Ausbildung der Verwandlung ist er erst recht zum Menschen geworden, sie war seine eigentümliche Begabung und Lust" (MM 120 f.).
An diesem anthropologischen Grundbegriff Canettis läßt
sich erweisen, daß der Vorwurf gegen ihn, daß er die
Grenze zwischen dem Humanen und dem Animalischen nicht deutlich
genug gezogen hätte", nicht tifft: er hat diese Grenze
genau bezeichnet; wenn er dem Menschen auch nicht mehr zugesteht,
als daß er "die Summe aller Tiere" sei, "in
die er sich im Laufe seiner Geschichte verwandelt hat"14.
Die Fähigkeit zur Verwandlung sieht Canetti übrigens
nicht nur durch Arbeitsteilung und zunehmende Spezialisierung
bedroht (GdW285 f.), sondern ebenso durch den Verlust der Tierwelt
selbst; er hält "das allmähliche Verschwinden der
Tiere ... für die vielleicht gefährlichste Verarmung
des Menschen"15.
Die eindrucksvollste Bestätigung für seine Auffassung
von der Verwandlungsfähigkeit des Menschen findet Canetti
in einem Werk über Buschmann-Folklore, das er "für
das kostbarste Dokument der frühen Menschheit" (MM 385)
hält. Gegen Märchen und Mythen könne man ja den
Einwand erheben, daß sie erdichtet seien; hier jedoch "erfahren
wir, wie einem Buschmann in seinem wirklichen Leben zumute ist,
wenn er an einen Strauß oder einen Springbock in der Ferne
denkt; was ihm dabei geschieht; was das Oberhaupt bedeutet, an
ein Geschöpf zu denken, das nicht er selber ist" (MM
388). Canetti zählt auf:
"...3. Ein Strauß kratzt sich hinten im Nacken mit
dem Fuß, wo ihn eine Laus' beißt. Der Buschmann spürt
dieselbe Stelle im eigenen Nacken, da, wo der Strauß sich
kratzt. 4. Ein Mann fühlt das Rascheln der Springböcke
im Gebüsch in seinen eigenen Füßen. Den schwarzen
Streifen des Springbocks, von der Stirn bis zur Nase herunter,
fühlt er auf seinem Gesicht. Er spürt an den eigenen
Augen die schwarzen Zeichen auf den Augen des Springbocks. Das
schwarze Haar an den Flanken des Tieres spürt er an seinen
Rippen. 5. Ein Buschmann fühlt Blut an den Waden und im Rücken.
Es ist das Blut des zu erregenden Springbocks, den er am Rücken
tragen wird. Da spürt er auch das Haar des Tieres. Man spürt
im Kopf, wo man die Hörner des Springbocks; abschlagen wird.
Man spürt das Blut unter den Kniehöhlen, wohin es vom
erlegten Tiere, das man trägt, herunterzutropfen pflegt"
(MM 388 f.).
Canetti interpretiert diese Empfindungen des Buschmanns so, daß sie zusammen
"seine ganze Beziehung zum Tier, den vollständigen Prozeß der Jagd" enthalten,
"vom Rascheln bis zu Blut" (MM 391). "Verwandlung" bedeutet für Canetti sehr
vel mehr als "Einfühlung" im hermeneutischen
oder "Empathie" im psychologischen Sinn. (vgl. GdW 286),
hat aber von beiden etwas. Die Buschmänner erleben in dieser
Darstellung noch keine vollständige, sondern "Ansätze"
zur Verwandlung (MM 388), Vorgefühle; während sie ihren
Körper dem des Tieres gleichsetzen, bleiben sie sie selbst.
In Canettis Vorstellung kann der Prozeß weitergehen: von
der Gleichstellung über die "metaphorische" Gleichsetzung
bis zur völlige Identifikation (s.o.). "Es ist ein geheimnisvoller,
in seiner Natur noch kaum untersuchter Prozeß und doch ist
es der einzige wahre Zugang zum anderen Menschen" (GdW 286)
und einer, der"prähistorisch" ursprünglich
zuerst an Tieren erlernt wurde. Die Verwandlung ist die "älteste,
vorwissenschaftliche Weise" (GdW 287) von Erfahrung und Erkenntnis.
Canettis wesentliche Quellen für seinen Glauben an die
Verwandlungsmöglichkeiten des Menschen sind jedoch nicht
ethnologische Berichte, sondern Mythen. Am wichtigsten ist ihm
der Gilgamesch-Mythos Mesopotamiens, dessen Epos beginnt "mit
der Verwandlung des unter den Tieren der Wildnis lebenden Naturmenschen
Enkidu in einen Stadt- und Kulturmenschen" (GdW 284, vgl.
F 47 ff.); außerdem nennt Canetti die Metamorphosen des
Ovid und Odysseus (GdW 284). Mir scheint, daß die"Verwandlungen"
Canettis vor allem die des Lesers meinen, imaginäre Lektüreerlebnisse,
die Canetti überträgt auf das Erlebnis lebendiger Gestalten.
Dem Dichter gibt er ja vor allem die Aufgabe, "das literaische
Erbe der Menschheit" (GdW 283) zu bewahren, an dem er seine
eigene Verwandlungsfähigkeit geschult hat; die gibt er dann
weiter, indem er in seinen Werken neue imaginäre Verandlungsangebote
macht. Diese sind dann allerdings auch sozial wichtig: Die Fähigkeit
zur Verwandlung soll "die Zugänge zwischen den
Menschen offenhalten" (GdW 286). Lesen ist ein Einüben
dieser universellen Metamorphose als eines offenen Verstehensprozesses.
Aufschlußreich für die Art von Canettis Mythenlektüre
ist eine methodische Bemerkung, die er in "Masse und Macht"
der zitierten Zusammenfassung seiner Leseergebnisse aus dem Werk
über die Buschmänner voranstellt:
"Wenn man den Zeichen ihren Wert für eine Untersuchung
der Verwandlung belassen will, muß man sich vor allem davor
hüten, etwas Fremdes in die Welt des Buschmanns hineinzutragen.
Man muß die Zeichen so einfach und konkret belassen, wie
sie wirklich sind" (MM 388).
Woher weiß der Leser Canetti, daß die Zeichen einfch und konkret sind? Doch nur daher, daß er sie so auffaußt, herausgelöst aus historischen und kulturellen Bezügen, abstrahiert von der "Lebenswelt" der Eingeborenen, destilliert zu einem Dokument für eine allgemeinmenschliche Fähigkeit, eine angenommene anthropologische Grundeigenschaft: die Verwandlungsfähigkeit.
Um diese geht es allerdings, und zwar wesentlich dem Dichter
Canetti, der er auch als Anthropologe bleibt, wenn er das
zu ekennen meint, was er selbst erzeugt. Wie er
in den ihn bedrängenden jungen Leuten im Café die
"Meute" wiederfindet, die er erdacht hat (PdM 239),
so findet er in Mythen, Märchen, Dichtungen und Berichten
das, was er in seinem Karpf gegen die Anerkennung des Todes braucht:
Verwandlungsangebote. Die Verwandlung beseitigt den Tod nicht
- sie ist keine Seelenwanderung -, aber sie nimmt ihm dadurch
seinen Stachel, daß sie auch die Toten in dem, der sich
verwandelt, bereithält und verlebendigen kann. Nur auf diese
magisch-mythologische Weise kann die Schuld des Überlebenden,
die schon darin besteht, daß er überlebt, abgetragen
werden; nur durch Verwandlung kann das Unterworfene in sein Recht
gesetzt werden. "Was er vergewaltigt hat, enthält er
alles in sich" (PdM 55). Es gibt nichts, was Zivilisation
und Kultur endgültig hinter sich gelassen hätten; alles
ist wieder und zugleich möglich. Ein wenig selbstkritisch
notiert Canetti 1943:
"Die Verwandlungslehre verspricht ein Allheilmittel zu
werden, bevor sie noch ganz durchgedacht ist. Sie ist etwas wie
eine Seelenwanderungslehre oder ein Darwinismus, aber ohne im
engeren Sinn religiöse oder streng naturwissenschaftliche
Wendung, auf Psychologie und Soziologie bezogen, so daß
beide überhaupt eines werden, und dramatisch gesteigert,
indem alles nebeneinander und zugleich möglich wird, was
sich dort auf Generationen des Lebens oder gar auf geologische
Perioden verteilt" (PdM 40 f.).
Das klingt fast postmodern15a. In der Ablehnung
von Geschichtsphilosophie gibt es sicher einige Berührungspunkte;
doch möchte ich, wie bemerkt, Canettis Methode lieber "prähistorisch"
nennen, wegen des ständig durchscheinenden Bezugs zu einer
mythischen Jagdgesellschaft als eines allgegenwärtigen Untergrundes
und anthropologischer Konstante im diachronen und synchronen Kulturvergleich.
Seelenwanderungslehre und Darwinismus werden von Canetti später
entschiedener abgelehnt; die eine wegen des Ausweichens vor dem
Problem des Todes, die andere wegen der Legitimierung des Anspruchs
des Menschen auf die Macht über die Erde (PdM 54). Die Abstammungslehre
nennt er "dumpf und kleinlich", und ihre wissenschaftliche
Nützlichkeit zweifelt er an: "Man hätte umfassendere
Entdeckungen gemacht, wenn man von der weitherzigeren Anschauung
ausgegangen wäre, daß jedes Tier sich unter Umständen
in jedes andere verwandelt" (PdM 55), d.h. auch, wenn jedes
Tier als ein potentieller Mensch angesehen worden wäre.
Dies sind nun die beiden Pole der Anthropologie Canettis: seine
Auffassung von dem Menschen als der "Summe aller Tiere"
und seinen potentiell unbegrenzten Verwandlunsmöglichkeiten
in die lebendigen Bestandteile seiner selbst steht eine Wahrnehmungsweise
gegenüber, die auf das unverwechselbar Individuelle, das
logisch nicht erschließbare Einzigartige der Geschöpfe
zielt, sowie ihre pure Identifizierbarkeit als lebende Individuen.
Der Mensch ist potentiell unendlich wandelbar, aktuell aber immer
schon begrenzt. Einen Hinweis auf die Vermittlung dieser beiden
Pole liefert ein weiterer Aphorismus aus den "Aufzeichnungen":
"Man möchte jeden Menschen in seine Tiere auseinandernehmen
und sich mit diesen dann gründlich und begütigend ins
Einvernehmen setzen" (PdM 35).
Abgesehen von der Annahme einer größeren Zugänglichkeit
der "tierischen" Seiten eines Menschen gegenüber
seinem spezifisch Humanen - es wird impliziert, daß es da
etwas gebe, mit dem es sich nicht so gut auskommen ließe
-, wird hier eine Verfahrensweise angedeutet, die für Canettis
Poetik bedeutsam ist: die "Tiere", in die ein einzelner
Mensch zerlegt werden kann, entsprechen seinem Grundbegriff der"Figur".
Alle Verwandlungen, die ein Mensch durchlebt hat, hinterlassen
in seiner Erinnerung Spuren als Figuren, verfügbare Muster
des Verhaltens, der Selbstdarstellung und der poetichen Gestaltung.
Canetti unterscheidet "Masken" und "Figuren"
folgendermaßen: "Masken" sind das jeweilige Endprodukt
einer Verwandlung, starr und geheimnisvoll; gewinnt der einzelne
ein lebendiges Verhältnis zu ihr, bricht er ihren Bann, so
wird aus der Maske eine Figur. "Man kann sich richtig zu
ihr benehmen, sobald man ein Verhältnis zu ihr hat"
(MM 432).
Man kann sich also mit ihr "gründlich und begütigend
ins Einvernehmen setzen" (s.o.), wie mit den "Tieren
im Menschen". In den poetischen Werken Canettis werden also
nicht Menschen dargestellt, sondern Figuren entworfen, die ästhetich
verlebendigte Masken sind. Daß es sich bei den"Tierstimmen"
in Canettis Auffassung vom Drama um solche Figuren handelt, verdeutlicht
die Schilderung einer Episode in seiner Autobiographie und Canettis
Kommentar dazu.
Canetti liest sein Drama "Komödie der Eitelkeit";
unter den Zuhörern befindet sich auch Franz Werfel, der mit
dem Stück wenig anfangen kann.
"Werfel... rief plötzlich mitten in die Rede des
Hausierers hinein: Ein Tierstimmenimitator, das sind Sie!', womit
er mich meinte. Er hielt das für einen Schimpf, gröber,
rücksichtsloser, störender hätte es gar nicht kommen
können, er wollte es mir unmöglich machen, weiterzulesen,
aber er hatte die gegenteilige Wirkung, das war es ja genau, was
ich vorhatte, jede Figur sollte gegen die andere so klar abgesetzt
sein wie ein besonderes Tier und an ihren Stimmen sollte es zu
erkennen sein, die Geschiedenheit der Tiee übertrug ich in
die Welt der Stimmen und es traf mich, als ich seine Beschimpfung
aufnahm, wie der Blitz, daß er etwas Richtiges erkannt hatte,
allerdings ohne eine Ahnung davon zu haben, wozu diese Stimmenimitation
diente" (A 135).
Es ist also die "Geschiedenheit der Tiere", die Canetti
auf seinen Begriff der"Figur" überträgt, eine
Bestimmung purer Negati,ität: die Figuren sind das, was sie
sind dadurch, daß sie sich von anderen unterscheiden, und
genau darin will der Dramatiker sie zur Geltung bringen.
Ihre Einzigartigkeit gilt ihm als ein absolute Wert: sie repräsentieren
nichts als diese Einzigartigkeit selbst. Es sind keine Charaktere,
die sich entwickeln könnten, keine Subjekte, die in der Lage
wären, über sich zu reflektieren, sie "handeln"
nicht, sie agieren und reagieren aufeinander; wenn sie reden,
so fragen sie nicht und antworten nicht: sie reizen sich, und
was wie Frage und Antwort aussieht, ist in der dramatischen Wirklichkeit
ein stimulus/response-Verhältnis. All dies sind theoretische
Konsequenzen des poetologischen Ansatzes Canettis, nicht Menschen,
sondern "Figuren" zur Darstellung zu bringen; sie wären
im einzelnen durch detaillierte Analysen der Dramen nachzuweisen,
was aber nicht genügen würde, da es sich um geschriebene
Texte handelt, die qua Sprache der individualisierenden Intention
des Autors widerstreben: man müßte sie tatsächlich
hören. Einige Seiten vor seiner Schilderung der Lesung
der "Komödie der Eitelkeit" schreibt Canetti denn
auch:
"Um die Komödie zu erfassen, mußte man sie
hören, sie war aus dem aufgebaut, was ich akustische
Masken nannte, jede Figur war durch Wortwahl, Tonfall, Rhythmus
streng gegen alle anderen abgesetzt und es gab keine Notenschrift
für Dramen, in der sich das festhalten ließ. Meine
Intentionen konnte ich nur durch eine vollständige Vorlesung
des Stückes klarmachen" (A 128).
Es gibt eine Aufzeichnung" einer solchen Vorlesung von
Canetti, doch soll hier nicht untersucht werden, ob seine Intention
dort realisiert ist. Man müßte ersuchen, diese Aufnahme
wie im Halbschlaf zu hören, ohne die Bedeutung der Worte
und Sätze zu realisieren, nur auf Stimmen und Vorgänge
zwischen den Stimmen lauschend und so, als ob man die Spache nicht
verstünde.
In einer Aufzeichnung "Über das Drama" aus dem
Jahre 1942 vergleicht Canetti seine Vorstellung mit der Musik.
"Es wird mir langsam klar, daß ich im Drama etwa
verwirklichen wollte, was aus der Musik stammt. Ich habe Konstellationen
von Figuren wie Themen behandelt. Der Hauptwiderstand, den ich
gegen die 'Entwicklung' von Charakteren empfand (so als wären
sie wirkliche, lebende Menschen), erinnert daran, daß auch
in der Musik die Instrumente gegeben sind. Sobald man sich einmal
für dieses oderjenes Instrument entschieden hat, hält
man daran fest, man kann es nicht, während ein Werk abläuft,
in ein anderes Instrument umbauen. Etwas von der schönen
Strenge der Musik beruht auf dieser Klarheit der Instrumente.
Die Zurückführung der dramatischen Figur auf ein
Tier läßt sich mit dieser A.ffassung sehr wohl vereinen.
Jedes Instrument ist ein ganz bestimmtes Tier oder zumindest ein
eigenes und wohlabgegrenztes Geschöpf, das mit sich nur auf
seine Weise spielen läßt. Im Drama hat man die göttliche
und über alle anderen Künste erhabene Möglichkeit,
neue Tiere, also neue Instrumente, neue Geschöpfe zu erfinden,
und je nach ihrer thematischen Fügung eine immer wieder andersgeartete
Form. Es gibt also unerschöpflich viele Arten von Dramen,
solange es neue "Tiere" gibt... (PdM 15).
Hier zeigt sich nun deutlich der Widerspruch innerhalb von
Canettis Anthropologie, zwischen der angenommenen unendlichen
Wandelbarkeit und der realen Begrenztheit des menschlichen Individuums
in der Konsequenz für seine Poetik: ein vollgütiger
"Mensch" ist nur jemand, der seine absolute Verwandlungsfähigkeit
noch nicht eingebüßt hat, der sich all seiner "tierischen"
und kulturellen Möglichkeiten bewußt bleibt und offen
ist für neue Vemandlungen. Die Poetik, der Zwang zur Darstellung,
verlangt jedoch begrenzte "Figuren", also Gestalten,
die sich nicht weiter wandeln: das zentrale Anthropologicum selbst,
die Verandlungsfähigkeit, kann also dramatisch "nicht
dargestellt werden". Nur eine Perspektive, die Produktion
und Rezeption des Werks mit diesem zusammen in Augenschein nähme,
könnte hier vermitteln: die Gestaltung der "Figuren"
ist ein ordnender Kampf gegen der Fluß unaufhörlicher
Verwandlung, (der nun auch negativ gesehen werden muß: als
bedrohliches Chaos (vgl. PdM 67). Von der Rezeptionsseite her
sind die gestalteten Figuren als Verwandlungsangebote zu sehen,
als Bereicherung von Verwandlungsmöglichkeiten. Nicht etwa
"Identifikationsangebote", Vorbilder, aber doch "Erfahrungen":
so könnte die Funktion literarischer Figuren für den
Betrachter und Hörer aufgefaßt werden. Die Verwandlung
eines "Menschen" in eine "Maske" findet schon
in der - vor allem akustischen - Wahrnehmung des poetisch gestaltenden
Jägers statt; die Auflösung der Starrheit der Maske,
ihre Gestaltung zu einer"Figur", ist ein ästhetischer
Produktionsprozeß, der die "Maske" aus ihrem eigenen,
ehemals lebendigen Zusammenhang herausnimmt und in eine neue Konstellation
überführt, in experimentelle Konfrontationen mit anderen
"Figuren" . Das Drama selbst wird dann bestimmt von
einem "Grundeinfall"; ,ein Ablauf ist eine Folge von
Abwandlungen dieses Grundeinfalls mithilfe der "Figuren",
den Elementen des dramatischen Vorgangs.
"Die Abwandlung, was sich dann wirklich vollzieht im Spiel,
soll ganz einfach sein, also wenn das denkbar wäre, fast
so einfach wie die Tierplatte"18 sagt Canetti
in dem eingangs erwähnten dramentheoretischen Gespräch
mit Durzak.
Hier kommt nun eine Bestimung des "Tierischen" ins
Spiel, die über die begehrte Einzigartigkeit in der Gestalt
des Geschöpfs hinausgeht: die Einfachheit des Vorgangs zwischen
den einzelnen Figuren. Die Erlegung des Zebras durch den Löwen
bezeichnet Canetti als dramatisch, "denn es ist eine
Jagd" (Hervorh. H.T.; s.o.); umgekehrt soll ein dramatischer
Ablauf so einfach sein wie eine Jagd.
Ich habe behauptet, daß alle anthropologischen und die
von ihnen abgeleiteten poetologischen Kategorien Canettis sich
auf die Ursituation der Jagd beziehen lassen; so auch die
poetische Produktion selbst. Schon das Lauschen des Dichters auf
die Anzeichen des Lebendigen ist das Lauschen des "Jägers"
auf verwendbare" akustische Masken"; die Streifzüge
durch das nächtliche Wien sind Beutezüge; die Verarbeitung
der "Masken" zu gestalteten "Figuren" ist
ein Prozeß der Zubereitung eines literarischen "Mahls";
der Rezipient "verspeist" die Beute, verleibt sie sich
ein. Daß der Dichter neue Geschöpfe produziert,
ändert daran nichts: sie sind aus Elementen wahrgenommener
Realität zusamengesetzt oder durch ein besonderes "Zubereitungsverfahren"
gewonnen: durch das der Übertreibung.
"Es interessiert mich nicht, einen Menschen, den ich kenne,
präzis zu erfassen. Es interessiert mich nur, ihn präzis
zu übertreiben" (PdM 285). lautet eine Notiz aus der.
Jahre 1971, die genau den Übergang on der Wahrnehmung zur
Poetik, von passiver Rezeption zu aktiver Gestaltung bezeichnet,
die poetische Gestaltung schon in der Erfassung. Daß
das dergestalt Zubereitete nicht allen Feinschmeckern gleich behagt,
zeigt zum Beispiel die Reaktion Marcel Reich-Ranickis, der die
"Blendung" für "ungenießbar" hielt".
Ich halte es also nicht für unangemessen oder frivol, Canettis
"Psychologie des Essens" (MM 250 ff.) z.B., als deren
Ziel ein Teilaspekt der "Jagd", auch auf seine
Weise der Menschenwahrnehmung und dichterischen Produktion anzuwenden,
immer vorausgesetzt allerdings, daß es hierbei um die "Umkehrung
des Totenopfers" geht (MM 319), letztlich darum "Menschen
durch Worte am Leben (zu) erhalten" (PdM 80) und nicht, sie
konsumierend zu vernichten.
Als Canetti im September 1929 von seinem zweiten Berliner Aufenthalt
nach Wien zurückkommt, erweist es sich, daß er das
"Gedränge der Namen", (F 249 ff.) als das er Berlin
erlebt hat, noch längst nicht verarbeitet hat; die Eindrücke
sind noch nicht "verdaut":
Seit ich mitten in der großen Namensküche gelebt
hatte - drei Monate das erste und sechs Wochen das zweite Mal
-, hatte ich ein bedrängendes Gefühl des Ekels davor,
ich kam mir - eine Schreckensvision schon der Kindheit - wie eine
Mastgans vor, die festgesetzt und mit Namen zwangsgefüttert
wurde. Der Schnabel wurde einem offengehalten und Namensbrei hineingestopft"
(F 336).
Es ist der langwierige und quälende Prozeß der Verdauung
dieses "Namensbreis", der dann zum Plan einer "Comédie
Humaine an Irren" (F 299) und schließlich zu den Figuren
der "Blendung" führte. Der Beginn der Gestaltung
ist die Aufteilung in Figuren, in die der Dichter dann, in einem
"zornige(n) Versuch, von (sich) abzusehen" (F 297),
sich verwandelt, um das, was erst ihn besessen hatte, in seine
poetische Verfügungsgewalt zu bekommen.
"Das Rettende war, daß es eine Figur war, die Umrisse
hatte, die sich weiter trieb, die das sinnlose Zerstreute sammelte
und ihm einen Leib gab. Es war ein schrecklicher Leib, aber er
lebte. Er bedrohte mich, aber er hatte eine Richtung... Sobald
die Figur in ihren ersten Umrissen erkannt ist, kehrt sich das
Verhältnis um und es ist nun gar nicht mehr so sicher, wer
von wem besessen ist und wer wen treibt" (F 296).
Die Figur, zunächst eine spontane Gestaltung chaotischer Eindrücke, wird zuerst als etwas Fremdes, Eigenmächtiges, Selbständiges erfahren, bedrohlich wie ein wildes Tier, das bezwungen, gezähmt werden muß. Das Erkennen der Umrisse ist der erste Schritt zur Bewältigung, die Zerlegung in mehrere Figuren der nächste, sie psychologisch und ästhetisch verfügbar zu machen. Wichtig ist nun, daß die weitere Zerlegung das "Tier" nicht (etwa analytisch, gar psychoanalytisch) "tötet", sondern andere "Tiere", lebendige Figuren, zutage fördert, nicht tote, starre Masken oder Schemata der Interpretation, sondern Geschöpfe mit einem eigenen Reservoir von Ansichten und Verhaltensweisen.
Von der geplanten "Comédie Humaine an Irren"
wird nur der"Büchermensch" Peter Kien realisiert.
Das poetologische Konzept der "Figur" läßt
erwarten, daß die Getalten des Romans von vorneherein ihres
spezifisch Menschlichen, der Verwandlungsfähigkeit, beraubt
sind; sie "entwickeln" sich nicht, sondern erleiden
die Konsequenzen ihrer jeweils besonderen Einseitigkeit und Borniertheit.
"Jede der Figuren hat einen anderen Konstruktionsfehler,
der sie von den Mitfiguren weitgehend isoliert. Dies ist wohl
das bedeutendste Merkmal der immerhin nicht sehr zahlreichen Figurenwelt
Canettis"20 schreibt Jan Papiór in einem
Aufsatz über Canettis Anthropologie literarischer Figuren.
Die ästhetische Rechtfertigung für diese poetologische
Konsequenz der bis zur Groteske einseitigen "Figuren"
liegt in ihrer satirischen Prägnanz, ihre, "Selbstanprangerung"
(A 22); sie klagen sich schon dadurch an, daß sie sind,
wie sie sind; zusätzliche satirische Reflexionen des Erzählers
werde dadurch überflüssig; denn "keine Anklage,
auch die des gewaltigsten Satirikers nicht, könnte so viel
bedeuten wie die Selbstanprangerung" (A 23). Canetti schildert
in seiner Autobiographie, daß er das, was er später"Selbstanprangerung"
nannte, zuerst an Büchners "Wozzeck" erlebt habe,
den er kennenlernte nachdem er"Die Blendung"
gesch,ieben hatte (A 15 ff.); ich denke aber, daß das Fragnent
Büchners für Canetti nicht zu einer derartig intensiven
Erfahrung geworden wäre, hätte er hier nicht etwas dargestellt
gefunden, was er selbst anstrebte, was auch schon die Figurengestaltung
der "Blendung" bestimmt hatte. Die Faszination der "Blendung"
beruht ja gerade auf der satirischen Prägnanz der Figuren,
die "deutlich und gewaltig" (A 121) abgegrenzt, reflexionslos
das sind, was sie sind, und sich gar nicht verständigen können.
Die physiognomische Ungebrochenheit der Gestalten - sie sagen
und tun, was sie denken und wollen, ohne Rücksicht auf andere,
es sei denn eine der Berechnung, ohne "Verwandlung"
- läßt sie hart aufeinander prallen und in ihrerjeweils
spezifischen "Verblendung" zugrunde gehen. Die Redaktion
aufs tierisch Individuelle liegt darin, daß die Gestalten
jeweils ein Laster, figurieren, das mit denen der anderen
nicht zu vermitteln ist - da jeder einziges Exemplar seiner Gattung
ist, gibt es keine "Kommunikation", keine Gemeinsamkeiten.
Als Karikaturen weisen die grotesken Figuren auf Borniertheiten
außerhalb der ästhetischen Geltung, ohne daß
der Erzähler noch darauf hinweisen müßte. Ihre
beschränkt einseitige Gestalt klagt sich selbst an und damit
jeden, der nichts ist als das, was er ist.
Offenkundig trifft dies auf die"Figuren" der Blendung
zu. Der Sinologe Peter Kien ist von einem Bücherwahn befallen
und erlebt die Konsequenz dieser Einseitigkeit als eine Abhängigkeit
von Büchern, die fast diese an seiner Statt zum Träger
der Handlung machen. Weil die Bücher jemanden benötigen,
der sie von Staub befreit, heiratet er Therese und macht sich
zum Opfer ihrer stupiden Weiblichkeit; weil Kien jemanden braucht,
der ihm die schweren Bücher, die er im Kopf trägt, abnimmt
und hilft, sie abends säuberlich auf ausgebreitetes Packpapier
zu stapeln, läßt er sich auf den Zuhälter Fischerle
ein, der seinerseits von dem Größenwahn befallen ist,
er sei der eigentliche Schachweltmeister. Auch die Nebenfiguren
sind groteske, aus dem Prinzip der Übertreibung entstandene,
einseitige Figuren: Fischerles Frau, die nur an ihren Mann denkt,
der geile "Blinde", der ihn schließlich gräßlich
tötet, der immer betrunkene Kanalräuber, der schlaflose
Hausierer und der "rote Kater", der brutale Hausbesorger.
Es scheint mir aber, daß es da in der "Blendung" zwei Ausnahmen gibt, zwei Gestalten, deren "Konstruktionsfehler" nicht leicht aufzufinden wären, zwei "Figuren", die beinahe aussehen wie "Menschen": der Psychiater Georg Kien nämlich und der "Gorilla".
Im "Augenspiel" schildert Canetti ein Gespräch
mit dem Bildhauer Fritz Wotruba über den Roman.
"Das scharf Umrissene der Figuren lag ihm, ...nur... den
Psychiater konnte er nicht leiden. Er fragte mich, ob ich mich
da nicht geirrt hätte, aus Liebe zu meinem eigenen
jüngsten Bruder, von dem ich ihm erzählt hatte. Soviel
Häute, meinte er, könne kein Mensch haben, ich hätte
da eine Idealfigur aufgestellt, was ein Dichter in seinen Büchern
mache, das verrichte Georges Kien in seinem Leben" (A 123).
In der Tat ist der Einwand, daß Canetti mit dem Psychiater einen idealen Menschen geschaffen habe und nicht eine "Figur", kaum von derHand zu weisen. Georges Kien, der zunächst als Frauenarzt begonnen und gelebt hatte "wie Prinz Gautama, bevor er Buddha wurde" (B 354), wandelte sich durch die Erfahrung eines Irren, eben jenes "Gorillas", zu "einem der umfassendsten Geister seiner Zeit", der "in einer Unzahl von Welten zugleich" (B 353) leben konnte. Er ist lernfähig und in der Lage, erste Fehleinschätzungen zu korrigieren, er "vermag es schließlich sogar, als "listenreicher Odysseus" (B 379) sich in seinen Bruder hineinzuversetzen, ihn zu verstehen, wenn auch nicht mehr zu retten: kurz, er hat alle idealen Eigenschaften eines "Menschen".
Zum Menschen geworden ist Georges Kien durch einen genialen Paranoiker, der in der"Blendung" nur "der Gorilla" genannt wird, ein urtümliches Wesen mit rohen Bewegungen und heftigen Affekten, das sich eine eigene Sprache geschaffen hat und mit ihr eine eigene Welt, in der die Gegenstände keine feststehenden Namen haben, sondern ihre Bezeichnungen wechseln im "Kraftfeld von Affekten" (B 357). "Er schuf, was er brauchte, und fand sich nach seinen sechs Tagen am siebenten darin zurecht. Statt zu ruhen, schenkte er der Schöpfung eine Sprache. Was um ihn war, entstammte ihm" (B 358).
Als Georges Kien Zeuge eines"mythischen Liebesabenteuers" des "Gorillas" mit der Erde wird, ist er von tiefem Zweifel an sich selbst erschüttert: "Er sah sich als Wanze neben einem Menschen" (B 356). Der Psychiter verzichtet auf eine Behandlung des Irren und hört stattdessen nicht auf, ihn zu preisen:
"Wenn es ein Leben reiner Geistigkeit gibt, so führt es dieser Verrückte" (B 360). Dieser "Gorilla" ist nicht als Figur konzipiert, sondern, wie sein Widerpart, der Psychiater, als Ideal. Oder sollte es die Verblendung Georges Kiens sein, die ihn den Irren so idealisieren läßt? Man könnte es dabei belassen, hätte Canetti dieser Gestalt nicht so viele Züge seiner selbst mitgegeben und ihn etwa zum Entdecker der "Wirksamkeit der Masse in der Geschichte und im Leben des einzelnen" (B 365) gemacht. Es ist Georges Kien, dem der Autor seine Auffassung von der "Masse" in den Mund zu legen scheint, die Charakterisierung der "Masse" als eine "höhere Tiergattung":
"Von der viel tieferen und eigentlichen Tiebkraft der Geschichte, dem Drang der Menschen, in eine höhere Tiergattung, die Masse, aufzugehen und sich darin so vollkommen zu verlieren, als hätte es nie einen Menschen gegeben, ahnten sie (die "normalen" Psychiater und Psychoanalytiker, die alles mit dem "Wunsch nach Genuß" deuten) nichts. Denn sie waren gebildet und Bildung ist ein Festungsgürtel des Individuums gegen die Masse in ihm selbst.
Den sogenannten Lebenskampf führen wir, nicht weniger
als um Hunger und Liebe, um die Ertötung der Masse in uns
. . . Die Menschheit bestand schon lange, bevor sie begrifflich
erfunden und verwässert wude, als Masse. Sie brodelt, ein
ungeheueres, wildes, saftstrotzendes und heißes Tier in
uns allen, sehr tief, viel tiefe, als die Mütter. Sie ist
trotz ihres Alters das jüngste Tier, das wesentliche Geschöpf
der Erde, ihr Ziel und ihre Zukunft" (B 365).
Die Darstellung der Masse als"ein einziges Geschöpf,
mit fünfzig Köpfen, hundert Beinen und hundert Armen
ausgestattet, die alle auf genau dieselbe Weise oder in einer
Absicht agieren", findet sich auch in "Masse und Macht"
(MM S. 31).
Der Vergleich betrifft aber nur die Metaphorik; eine Vision
von der Urmasse, aus der alle Inividualität stamme und in
die alle Individualität einst wieder auf- oder untergehen
müsse, wie sie die Romangestalt Georges Kien entwirft, findet
sich in "Masse und Macht" nicht, und man kann, wie Wolfgang
Hädeck. gegen Ernst Fischer zu Recht angeführt hat,
die Vision Kiens nicht wie eine politische Meinungsäußerung
des Autors Canetti behandeln21. Mich interessiert hier,
die anthropologische und poetologische Funktion der Tiermetapher:
Wenn die "Masse in uns" als eine Art inneres Tier betrachtet
wir, so bedeutet die Entdeckung und Darstellung des "Tierischen
im Menschen", daß es nicht nur um die formale Einzigartigkeit
des Individuellen geht (dies ist der Aspekt der"Figur"),
sondern inhaltlich auch um ein bestimmtes Arsenal von Verhaltensweiren,
das sich ersteckt hinter den Konventionen und Geboten der Höflichkeit,
hinter aller Kultur und Bildung.
Während Peter Kien, Therese Krumbholz, Fischerle und seine Kumpanen und "der rote Hahn" Benedikt Pfaff Iso scharf umrissene Figuren sind, deren Einzigartigkeit von ihrem jeweiligen Defekt, ihrer partiellen Blindheit bestimmt ist, erscheint der"Gorilla" - in den Augen Georges Kiens - als das Ideal eines gottgleichen Schöpfers, ein "Mensch", neben dem sich der Psychiater wie eine "Wanze" fühlt, während Georges Kien selbst dem vom Autor Canetti in seinem anthropologischen Werk entworfenen Ideal eines Menschen am nächsten kommt, der seine Ve-andlungsfähigkeit noch nicht eingebüßt hat. Beide Gestalten werden innerhalb der Romanwelt als Verrückte bezeichnet: der"Gorilla" als ein"genialer Paranoiker" (B 360); der Psychiater von seinen Assistenten als ein, wenn auch "halber Narr", der wie ein kleines Kind schreit: "Ich will verrückt sein!" und seine Patienten nur heilt, weil er es nicht verwinden kann, "daß sie bessere Narren sind als er" (B 365). Georges Kien selbst erklärt seine Tätigkeit als Psychiater und das Phänomen der Verrücktheit aus einer Quelle; beidesmal geht es darum, daß "die Masse" in ihm und "in ihnen besonders stark ist und keine Befriedigung findet" (B 365): deshalb werden Menschen verrrückt und deshalb wurde er Psychiater, einer, der sich als ein "Diener" der Kranken" versteht, "aus Bewunderung für die Großartigkeit der Irren" (B 358). Als beinahe vollendete "Menschen" nähern sich beide, der Psychiater und der "Gorilla", einem Zustand jenseits von Geschichte und Gesellschaft: der eine auf eine mythische, prähistorische Weise, der andere aus einer Kultur und Geschichte abweisenden "posthistorischen" Sehnsucht nach dem Aufgehen in einer "höheren Tiergattung", der Masse.
Sowenig wie in "Masse und Macht" geht es allerdings
in der "Blendung" um eine geschichtsphilosophische Konstruktion,
die Beschwörung eines tierischen "goldenen Zeitalters",
dem man sich etwa durch ein Sich-Verlieren in der Masse wieder
nähern könnte. Der Wunsch Georges Kiens danach und seine
Idealisierung des Wahnsinnigen sind das Charakteristikum der Romanfigur,
nicht des Autors, sosehr der offenkundige Abstand dieser Gestalt
von der satirischen Zeichnung der übrigen Figuren dazu verführen
mag, ihn als Sprachrohr des Autors, seine Vorstellungen als Lösungsangebote
für den Leser mißzuverstehen.
Eine dramatische Darstellung der "Masse" hat Canetti
mit dem Drama "Komödie der Eitelkeit" versucht,
"ihre Bildung, ihre zunehmende Dichte, ihre Entladung"
(A 102). Den Verlauf (des ersten Teils) schildert Canettis selbst
folgendermaßen: "Die Szenen sind wie in einer Spirale
angeordnet, erst längere Szenen, in denen Figuren und Ereignisse
sich aneinander erklären, dann immer kürzere. Mehr und
mehr bezieht sich alles auf das Feuer; erst aus der Ferne, dann
näher und näher, bis eine Figur schließlich selbst
zum Feuer wird, indem sie sich hineinstürzt" (A 101).
Der Verlauf ist also einfach, "fast so einfach wie die Tierplatte" (s. o.). es wird keine "Handlung" vorgeführt, sondern ein Vorgang, der der Massenbildung. Abgesehen von diesem "Prähistorischen" des Verlaufs erscheint Tierisches an zwei Stellen: einmal als sozial denunzierende Metapher und entsprechende Verwandlung des Opfers, das die Beschimpfung auf sich nimmt, im zweiten Teil als Regressioin jedes einzelnen in ein Rudel Wölfe.
Der das Spiegelverbot rechtfertigende Prediger Brosam predigt
gegen die Eitelkeit:
"Eine Sau ist die Eitelkeit, eine grobe, stinkende Sau!
Die kann sich lang putzen mit Tand und mit Flitter! Wie ein Tau
kann sie glitzern und stolzieren wie ein Pfau. Was hilft es ihr?
Man kennt sie, am roten, geschminkten Rüssel, den schminkt
sie, den spitzt sie, den streckt sie jedem hin. Denn, wo glaubt
ihr, wo ist ihr am wohlsten? Im Dreck, da ist ihr am wohlsten,
im Dreck. Reißt ihr den Putz om Leibe, den gleitenden Balg,
reißt ihr den Balg vom Leibe und schaut hin, liebe Brüder!
Unterm Balge ist sie eine grobe, stinkene Sau! Eine Sau ist die
Eitelkeit . . ." (D 101).
Am Ende des ersten Teils des Dramas reißt die Gemischtwarenhändlerin sich die Kleider in Fetzen vom Leibe, rennt auf das Feuer zu, in dem die Spiegel brennen, und brüllt: "Ich bin eine Sau! Ich bin eine Sau!" (D 106).
Hier kommt eine sozialpsychologische Funktion von Tienetaphern ins Spiel: die der Beschimpfung und Erniedrigung, wer so zum "Untermenschen" erklärt wird, ist vogelfrei, kann gejagd und vernichtet werden. Im Drama ist es ein Akt der Identifikation mit dem Aggressor, mit dem die Gemischtwarenhändlerin die Beschuldigung auf sich nimmt und im Feuertod die Erlösung von ihrer tierischen Sündhaftigkeit sucht.
Die Funktion der Herabwürdigung durch Tiermetaphern wird von Canetti hier dargestelltt; wo er, wie etwa in seiner Autobiographie, Tiermetaphern zur Charakterisierung von Menschen verwendet, spielt dieser Aspekt niemals eine Rolle; er würde schon den Tieren zuliebe keinen Menschen mit einem Tiemamen beschimpfen wollen!
Im ditten Teil der"Komödie der Eitelkeit" verwandeln sich alle Figuren in Wölfe; es handelt sich um die Szene im Vorraum des Spiegelbordells. Eine Szenenanweisung lautet:
"Es ist stockfinster. Man vernimmt ein Scharren wie von
vielen unsicheren Schritten. Menschen tasten den Boden mit Händen
und Füßen ab. Es können aber auch Tiere sein.
Ein Wolf heult plötzlich auf" (D 170), und etwas später:
"Jetzt sind es lauter Wölfe, und sie heulen vor Hunger
und Angst" (D 171).
Diese Tiere sind nun keine "Figuren" mit dem Reiz eines neuartigen, interessanten Geschöpfs, sondern deuten auf einen inneren Regressionsvorgang vom Individuum in das "Rudel"; die "Masse in ihm" bricht hervor und zerstört seine Einzigartigkeit mit seiner "Menschheit".
Daß aber die Identität und Individualität, die die Protagonisten am Ende des Dramas mithilfe wiedereroberter Spiegel gewonnen haben, nicht unbedingt der vorzuziehende Zustand gegenüber dem tierischen Geheul darstellt, deutet die letzte Szene an:
"Straße.Ein schwarzer Strom treibt auf ihr daher. Von allen Seiten fließen Menschen zu. Jeder hält einen Spiegel oder ein Bild von sich hoch. Von tosenden Ich-Rufen widerhallt die Luft. ICH! ICH! ICH! ICH! ICH! ICH! ICH! ICH! Es wird kein rechter Chor daraus . . ."
Eine Masse von selbst-retlektierten Individuen unterscheidet
sich nicht wesentlich von einem Rudel hungriger Wölfe; das
Bild scheint anzudeuten, daß es hier nur graduelle Unterschiede
gibt.
Macht der Liebe oder Trieb zur Macht?
Eine Abhandlung über "Tierischhes" wäre
nicht vollständig ohne einen Hinweis auf die Rolle der Sexualität.
Für das Tabu, das die Mutter ihm auferlegt hatte in bezug
auf alles, was Erotik betraf, ist Canetti ihr ein Leben lang dankbar;
im verdanke er seine Lernfähigkeit, seine "Frische und
Naivität für alles, was (er) wissen wollte" (gZ
230). "Daß alles Gestalt annahm und nichts sich bloß
summierte" (ebd.), verdanke er dieser Frische. Als ein Mitschüler
ihm erklären wollte, wie man es mache, nämlich wie der
Hahn auf der Henne, gerät der Junge,"von den Shakespeare
- respektive Schillerabenden mit der Mutter erfüllt, . .
in Zorn" (gZ 151) und beschimpft seinen Klassenkameraden
als einen Lügner. Als er einmal beobachtet, wie die Haushälterin
seiner Wirtin eine nackte Mitbewohnerin peitscht, die er vorher
als "schön, wie eine nördliche Madonna" (F
168) beschrieben hatte, "glaubt (er) es nicht, es
war wie auf dem Theater", was er dann aber registriert, ist
nicht die erotische Komponente, sondern die Darstellung einer
Machtbeziehung. "Ihre Ergebenheit, die zur Szene gehörte,
die vielleicht das Wichtigste war, was vor Augen geführt
werden sollte, ekelte mich nicht weniger als das Henkergehabe
der Tante" (F 170 f). Die Wirtin beobachtet er später,
wie sie die Rückseite von Bildern ihres verstorbenen Mannes
ableckt. "Sie tat das geflissentlich, ihre Zunge hing weit
heraus, wie die eines Hundes, sie war zum Hund geworden und schien
es zufrieden" (F 172). Es sind solche "Perversionen",
die Tierbilder provozieren, niemals jedoch schildert Canetti "normale"
Sexualität als "tierisch". Seine eigene Sexualität
wird in der Autobiographie nirgends dargestellt; es sei denn,
man nähme die auffällige Tatsache, daß er bei
vielen Frauen, denen er begegnet, als einen ersten Eindruck beschreibt,
wie sie riechen, als eine solche Schilderung (vgl. gZ 240,251,255,261;
F 64,168,221). Sexualität ist jedoch ein Hauptthema seines
ersten Dramas, der "Hochzeit".
In diesem Stück, dessen Uraufführung 1965 in Braunschweig
eine Anzeige wegen "Erregung geschlechtlichen Ärgernisses"22
einbrachte, scheint es in erster Linie darum zu gehen, die abgrundtiefe
Schlechtigkeit derer anzuprangen, die nichts als das Eine wollen,
und das von vielen und immer da, wo es nicht erlaubt ist. Die
Vorstellung eines drohenden Unterganges, die der "Idealist
Horch" den Hochzeitsgästen als ein Gesellschaftsspiel
beschwört, wirkt stimulierend: Auf die Frage, was jeder zuletzt
für sein Liebstes tun würde, antworten fast alle, daß
sie sie - nun, eben "lieben" würden, oder was man
so dafür hält, die Brautmutter den Schwiegersohn, die
Frau des Apothekers den "Idealisten", der Direktor Schön
die Frau des Hauses, die Witwe Zart den Direktor, der Bräutigam
das vierzehnjährige Mariechen, diese die Frau des Apothekers,
die schwachsinnige Pepi und die Braut am liebsten alle den Geilsten
von ihnen, den achtzigjährigen Dr. Bock, der alle "frischen
Weiber gern hat" (D 58). "Der Kopulationsreigen ist
vollständig, er hat die bürgerliche Maskerade nicht
mehr nötig, er wird gleichsam als Polonaise öffentlich
getanzt", heißt es dazu in einem Aufsatz von Manfred
Durzak23, und Adorno, der damals ein Gutachten schrieb,
sprach von einem Pandämonium blinder Triebhaftigkeit24.
Doch als es schließlich zur Katastrophe kommt - das Haus
beginnt zu wackeln und stürzt dann wirklich ein -, regt das
nicht zu "Liebestaten" an, sondern "zur äußersten
Gehässigkeit, zu Verrat, Prügelei und Totschlag"":
Der Sargfabrikant Rosig und Doktor Bock verraten dem Apotheker,
daß seine Frau ihn vergiften will, die er daraufhin erwürgt,
der Professor Thut und seine Frau lassen ihr Kind "durchs
Loch" (D 67) fallen, und die Brautmutter stiftet den Schwiegersohn
an, Väter Segenreich mit einem schweren Sessel zu erschlagen,
während der Direktor Schön sich in einen jaulenden Hund
erwandelt (D 72). Die Motive für diese Untaten stammen nicht
aus der Sphäre sexueller Triebhaftigkeit: Die
Frau des Apothekers will nicht einen anderen Mann, sondern die
Apotheke, und Vater Segenreich wird ermordet, weil er niemanden
aus "seinem Haus" läßt, als es schon einstürzt.
"Ein Haus, was ich gebaut habe, das stürzt nicht ein"
(D 61), sagt er und bleibt stehen, "die Beine gespreizt,
eine große steinerne Figur vor der Türe welche nicht
mehr da ist" (D 71).
Um dieses Haus geht es, auf einer zweiten Ebene derMotive, jenseits einer "Sexualität an sich"26; diese ist Mittel, nicht letzter Zweck der Handelnden. Es gehört der alten Gilz; die Enkelin will es besitzen für ihre kommende Heirat, Professor Thut denkt an die "Zukunft (seines) Kindes" (D 16) und will es kaufen; die Geschäftspartner Max und Gretchen wollen mit ihm spekulieren; alle erwarten den Tod der alten Gilz, die jedoch nicht daran denkt, zu sterben: "l leb alleweil no" (D 12), repitiert sie, während ihr Papagei den Wunsch der anderen skandiert: "Haus! Haus! Haus!" (D 11 f). Der Tod ist es, der die Menschen schlecht macht 27, jeder Kampf ums Überleben, jeder Machtkampf ein Spekulieren auf Leichen: dies ist das Grundthema der "Hochzeit", nicht die "tierische" Triebhaftigkeit im Sexuellen. Derjenige, der schon durch seinen Namen für die "reine" Geilheit stünde, hält dem Sargfabrikanten Rosig entgegen: "Bock: ...'Ich find das unanständig, auf Leichen zu spekulieren" (D 45); doch antwortet der Bestattungsunternehmer, daß Doktor Bock nichts wesentlich anderes täte, wenn er, als Arzt, die Keime des selbstgezeugten Lebens zerstört, indem er "seine eigenen Kinder aus den Weibern" herausschabt und sich dafür noch bezahlen läßt (D 45).
Die Sexualität und das Haus sind 'Maske', "hinter der etwas anderes, Tieferes verborgen liegt: der Wunsch nach Macht"28, dies ist der menschheitsgeschichtliche Skandal, den das Stück aufdeckt, nicht ein "Ärgernis" des Geschlechtlichen.
"Die groteske Welt des jungen Canetti ist ohne Hoffnung, ist zum Entsetzen", schreibt Dagmar Barnow29; das soll nicht etwa gemildert werden, wenn ich auf zwei
Aspekte des Stückes hinweise, die so etwas wie einen Schimmer von Hoffnung zulassen: er ist schwach genug. Das eine ist der Satz, der "Gegen-Satz zur Hoch-
zeit"30, aus dem Canetti den "Ursprung ... des ganzen Stücks" erklärt; "diesem
Satz zu Ehren" sei das Stück"erfunden worden"31. Es handelt sich um den letzten,
den die sterbende alte Kokosch, die Frau des Hausbesorgers, äußert: "Und da hat
er mich auf den Altar zogen und hat mich küßt und so lieb war er" (D 73), Canetti
will diesen Satz während eines Spaziergangs in Wien gehört haben.
Das zweite ist etwas, was sich erst dem Hörer ganz erschließt.
Erich Fried meinte zu einer Lesung Canettis aus der "Hochzeit"
im Jahre 1962, daß es heute schwerlich einen Dichter aus
dem deutschen Sprachbereich gebe, "der ein Drama mit dreißig
extrem erschiedenen Figuren mit so unheimlicher Präzision
und Lebendigkeit zu lesen vermag"32. Es ist die
grandiose "tierische" Vielfalt der einzelnen Figuren,
die - bei all der dargestellten "Schlechtigkeit des Menschen"
(PdM 238) - den Eindruck der Lebendigkeit überwiegen lassen,
so daß ihr Untergang, als Selbstzerstörung oder unverschuldeter,
äußerer verstanden, durchaus, schon aus diesem ganz
formalen Grunde, "Mitleid und Schrecken" hervorrufen
kann. Das "Pandämonium der Leidenschaft" ist auch
eine verzweifelte Beschwörung des Lebendigen.
Ich denke, daß die physiognomisch-poetische Anthropologie
Canettis - seine Wahmehmung von Menschen als begrenzte Gestalten
- und die Poetik anthropologischer Figuren - die "übertriebene"
Darstellung von Menschen als notwendig einseitig und "lasterhaft"
- grundsätzlich eine Interpretation in zwei Richtungen erfordern,
nämlich:
1. Was ist in ihnen an Mcht enthalten? und
2. Was ist in ihnen an Leben enthalten?
In der Beziehung dieser beiden Fragen zueinander geht es um das Verhältnir, von Leben zum Über1eben.
Die eine Interpretationsrichtung ist kritisch-analysierend: Sie richtet sich auf Machtverhältnisse, die sich hinter Konventionen, Kultur und Bildung, aber auch hinter philosophischen und religiösen Sinn-Systemen verbergen. Hier geht es also um Entlarvung, und das bedeutet für Canetti meist die Aufdeckung des dem menschlichen Ausdruck und seinem Verhalten zugrundeliegenden Paradigmas der Jagd, des Zwangs zum Töten für das eigene Überleben.
Der zweite Aspekt betrifft den Wunsch des Dichters und Anthropologen,
den "wirkliche(n) Bestand dessen, was an Lebendem da ist,.
. zu erfassen"33 und erfahrbar zu machen; hierin
ist die Interpretation emphatisch, sympathetisch, positiv. Da
es nicht um die biologische Faktizität des Lebens geht, sondern
um die Rettung des unbezweifelten Wertes alles Lebendigen, richtet
sich der doppelte, der kritisch-analysierende und der emphatisch-aufnehmende
Blick Canettis - bzw. sein Ohr - nicht nur auf die Vielfalt der
Geschöpfe, sondern darüberhinaus auf die Handlungen
und Ausdrucksweisen, wo sie als symbolische Ersetzungen des
Tötens aufgefaßt werden können. Es wird dann gezeigt,
daß eine bestimmte Verhaltens- oder Ausdrucksweise "eigentlich"
einen Mord oder einen Vorgang darstellt, dann aber emphatisch
hervorgehoben, daß sie z.B. den Mord nur darstelltt und
nicht ausführt: jedes ästhetische "Verhalten",
künstlerische Darstellung gehört dann auf die Seite
des Lebens, was immer sie, der Form nach, an Macht enthalten
mögen. Ich möchte diese doppelte Blickrichtung die Symbolisierung
menschlichen Verhaltens an zwei Beispielen demonstrieren: Canettis
Auffassung vom Lachen und seine Darstellung des Bildhauers Fritz
Wotruba in seiner Autobiographie.
Der kleine Elias lebt mit seiner Mutter in Manchester, das
Leben im Haus in der Burton Road ist gesellig und heiter, abends
kommen die vielen Verwandten der Mutter zu Besuch, und auch andere
befreundete Familien. Die Mutter zwingt den jungen Canetti, Französisch
zu lernen; da die Lehrerin aber zu wenig auf die Aussprache achtet,
klingt diese so drollig, daß es die Gesellschaft sehr belustigt.
"Als nächstes Mal Gäste kamen, placierten sie sich alle im gelben Salon wie für eine Vorstellung, ich wurde heruntergeholt und aufgefordert, die französische Geschichte herzusagen. Ich fing an: 'Paul etait seul a la maison', und schon verzogen sich alle Gesichter zum Lachen. Ich wollte es ihnen aber zeigen und ließ mich nicht beirren, ich sprach die Geschichte zu Ende. Als es soweit war, bogen sich alle vor Lachen. Mr. Calderon, der immer der lauteste war, klatschte in die Hände und rief: 'Bravo! Bravo!' Onkel Sam, der Gentleman, brachte den Mund nicht mehr zu und fletschte alle seine englischen Zähne. Mr. Innie streckte seinen riesigen Schuhe weit vor, lehnte den Kopf nach hinten und heulte. Selbst die Damen, die sonst zärtlich zu mir waren, und mich gern auf den Kopf küßten, lachten mit weit offenem Mund, als ob sie mich im nächsten Augenblick verschlingen würden. ( ) Ich brachte alles, was ich damals erlebte, in Zusammenhang mit den Büchem, die ich las. Es war gar nicht so weit gefehlt, daß ich die hemmungslos lachende Meute der Erwachsenen als Menschenfresser empfand, die ich aus 'Tausendundeine Nacht' und 'Grimms Märchen' kannte und fürchtete" (gZ 64 f).
Die erste Erfahrung dessen, was er später eine "Meute"
nannte, - jedenfalls die erste, die er beschreibt -, machte das
Kind Elias mit Gästen, bekannten und geliebten Menschen,
die ihn auslachten. Die Angst des Kindes verwandelt die Menschen
von vertrauten Namensträgern in bedrohliche Körperteile,
die nicht mehr Menschen, sondern gefährlichen Tieren zuzugehören
scheinen: Von"Onkel Sam" werden nur noch die Zähne
wahrgenommen, die er "fletscht", Mr. Innie heult wie
ein Wolf, und die zärtlichen Damen werden zu gierigen Mäulern.
Für Canetti bezeichnend ist es, daß er den Horizont
seiner Interpretation - derjenigen, die der Autobiograph dem angstvollen
Kind unterstellt - aus Büchern hat, aus gelesenen Märchen.
Hier sind die Meuten vorgebildet, die er dann in der Realität
wiederfindet, als Grundmuster von Verhaltensweisen, die, von Kultur
und Zivilisation verdeckt, hinter der Oberfläche des Konventionellen
und Höflichen, durch "physiognomische", aber gleichwohl
durch Lektüre gesteuerte Wahrnehmung und Deutung ans Licht
geholt werden können. Die Angst des Kindes nimmt vorweg,
was später, für den satirischen Dichter und den kritischen
Interpreten menschlicher Verhaltensweisen, konstitutiv werden
sollte: die Entdeckung der "Meute" von Menschenfressern
unter den freundlichen Verwandten.
Ein zweites Mal schildert Canetti das Lachen einer Gruppe von
Menschen; es handelt sich um den Besuch einer Vorlesung von Karl
Kraus in Wien. Das Gesicht von Karl Kraus erscheint dem jungen
Zuhörer "eindringlich und fremdartig "wie das eines
Tieres, aber ein neues, anderes, keines, das man kannte"
(F 70); was ihn aber besonders fasziniert, ist dessen unendlich
variable Stimme, die, als ein "verlangsamtes Krähen"
(F 69) beginnend, sich rasch wandelt und eine erstaunliche Vielfalt
produziert. Der ganze, bis zum letzten Platz gefüllte Vorlesungssaal
steht unter dem Bann dieser Stimme, "es hätte mich nicht
gewundert, wenn die Stühle sich gebogen hätten"
(F 70); unter ihrer Einwirkung entwickelt der ganze Saal eine
eigene, eigentümliche Dynamik. Der Erzähler berichtet:
"Schon die erste Pointe, eigentlich war es nur eine Anspielung, wurde durch ein Gelächter vorweggenommen, das mich erschreckte. Es klang begeistert und fanatisch, befriedigt und drohend zugleich, es kam, bevor noch eigentlich ausgesprochen war, worum es ging. ( ) Es waren nicht einzelne, die lachten, sondern viele zusammen. Wenn ich einen schräg links von mir ins Auge faßte, um die Verzerrungen seines Gelächters, dessen Ursachen ich nicht erfaßte, zu begreifen, klang es hinter mir genauso und ein paar Sitze weiter weg auf allen Seiten ... Immer waren es viele und immer war es ein hungriges Lachen. Ich hatte bald heraus, daß die Leute zu einem Mahl gekommen waren und nicht, um Karl Kraus zu feiern" (F 69 f.).
Diesmal ist Canetti nicht das Opfer, und doch klingt ihm das Lachen bedrohlich, er "versteht" es nicht, er sieht nur Verzerrungen; und plötzlich ein Erkenntniseffekt: Aha, ein Mahl!
Warum ein Mah1? Was hat das Lachen, mit dem Essen, zu tun?
Die Antwort steht in Canettis anthropologischen Hauptwerk, in "Masse und Macht":
"Das Lachen ist als vulgär beanstandet worden, weil man dabei den Mund weit öffnet und die Zähne entblößt. Gewiß enthält das Lachen in seinem Ursprung die Freude an einer Beute oder Speise, die einem als sicher erscheint. Ein Mensch, der fällt, erinnert an ein Tier, auf das man aus war und das man selber zu Fall gebracht hat. Jeder Sturz, der Lachen erregt, erinnert an die Hilflosigkeit des Gestürzten; man könnte es, wenn man wollte, als Beute behandeln. Man würde nicht lachen, wenn man in der Reihe der geschilderten Vorgänge weitergehen und sich's wirklich einverleiben würde. Man lacht, anstatt es zu essen. Die entgangene Speise ist es, die zum Lachen reizt; das plötzliche Gefühl der Überlegenheit, wie schon Hobbes gesagt hat ... Es scheint, daß die Bewegungen, die vom Zwerchfell ausgehen und fürs Lachen charakteristisch sind, eine Reihe von inneren Schlingbewegungen des Leibes zusammenfassend ersetzen" (MM 255).
Das Lachen ist ein "symbolischer Akt", die Ersetzung der Einverleibung: anstatt die von Karl Kraus satirisch Vernichteten zu fressen, lachen seine begeisterten Zuhörer, indem sie sich symbolisch etwas "einverleiben": seine Sätze nämlich, seine Urteile. Selbst das Lachen also, etwas genuin Menschliches, erweist auf einen tierischen Ursprung - allerdings auch gleichzeitig auf die Differenz, die unüberbrückbare Entfernung von diesem Ursprung; denn es handelt sich um einen "symbolischen Akt", zu dem Tiere nicht fähig wären. Die physiognomische Kritik des Lachens entlarvt es als einen ursprünglich kannibalischen Akt; von hier aus erklärt sich die Angst, die es auslösen kann, und das Gefühl der Überlegenheit des Lachenden. Andererseits ist das Lachen dadurch ausgezeichnet, daß es nicht dieser kannibalische Akt selbst ist, sondern ihn ersetzt. Man kann durchaus damit einverstanden sein, daß es sich bei den Zuhörern von Karl Kraus um eine hungrige Meute handelt, die dessen Opfer am liebsten mit Haut und Haaren erschlingen würde: dies ist sogar eine Seite der Lebendigkeit und Dynamik der Menschenmenge, macht sie zu einem faszinierenden Erlebnis: solange sie es nicht tut, und die Opfer wirklich frißt!
Ich denke, daß diese doppelte Richtung der Interpretation
für das Verständnis von Canettis Hauptwerk "Masse
und Macht" und für die Funktion des "Tierischen"
in seinem gesamten Werk von großer Bedeutung ist. Es geht
ihm nicht darum, die Tendenz zur Massenbildung und den Kampf ums
"Überleben" zu denunzieren, um dann etwa das Gegenbild
einer Gesellschaft zu entwerfen, in der es weder Massenbildungen
noch Machtkämpfe gäbe; sondern darum, beide Tendenzen
in solche Bahnen zu lenken, daß sie umgekehrt werden und
das Leben nicht bedrohen, sondern bereichern. Die Entlarvung des
Prähistorischen in der Kultur ist nicht in erster Linie deren
satirische Negation, sondern gerade auch die Anerkennung ihrer
enormen Leistung in der Umlenkung des Tödlichen zum Lebensbewahrenden.
Wenn Canetti also in der Tätigkeit des Dirigenten den
anschaulichsten "Ausdruck für Macht" (MM 453) fi@ndet,
wenn er die Stellungen des Menschen auf das hin untersucht, "was
sie an Macht enthalten" (MM 445) und etwa im Sitzen auf gepolsterten
Sesseln "ein dunkles Gefühl, davon, daß (man)
auf Lebendem lastet", (MM 449) im Liegenden "das gejagte
und getroffene Tier" (MM 451) entdeckt, so vergißt
er doch niemals, daß es sich um "symbolisch gemilderte
Form(en)" (MM 449) handelt, nicht um "reale" Machtausübung.
Canetti betreibt weder historische Analyse noch etwa eine biologisch
orientierte Verhaltensforschung. Seine Absicht ist, den Machthaber
und Überlebenden "in all seinen Schlupfwinkeln aufzustöbern
und so darzustellen, wie er ist und immer war" (MM 540),
und dazu analysiert er vor allem die Formen der Machtausübung.
Der physiognomische Blick für Machtverhältnisse soll
geschult werden; denn "wer der Macht beikommen will, der
muß den Befehl ohne Scheu ins Auge fassen und die Mittel
finden, ihn seines Stachels zu berauben" (MM 543); die Mittel
selbst werden nicht angegeben. Canetti glaubt an die Kraft von
Erkenntnis und phänomenologischer Analyse: hierin ist er
Aufklärer geblieben, jedoch ohne ein "Prinzip Hoffnung"
außer dem der "schwärzesten Kenntnis".
"Man muß den Menschen fassen, wie er ist, hart und
unerlöst. Man darf ihm aber nicht erlauben, sich an der Hoffnung
zu vergreifen. Nur aus der schwärzesten Kenntnis darf diese
Hoffnung fließen, sonst wird sie zum höhnischen Aberglauben
und beschleunigt den Untergang, der näher und näher
droht" (PdM 209).
Doch zurück zu den Tieren. Viele der Menschen, die Canetti
in seiner Autobiographie darstellt, werden mit Tiernamen bedacht.
Das wunderliche, unbekannte Tier Karl Kraus wurde schon erwähnt
(F 70); über seine spätere Frau Veza erfährt Canetti
zuerst, daß sie aussehe wie "ein Rabe zur Spanierin
verzaubert" (F 69); die Haushälterin der Frau Weinreb
in der Haidgasse in Wien, von allen nur "der Henker"
genannt, hat ein unheimliches "Katzengesicht" (F 165);
die schönste Frau, die Canetti je gesehen hat, die Lyrikerin
Anja Arkus, hatte "den Kopf eines Luchses" (F 269).
Hermann Broch erlebt er als einen "großen, schönen
Vogel, aber mit gestutzen Flügeln" (A 31), dessen Augen
aber "nie auf Greifen, auf Erbeuten aus waren" (A 37).
Die Tochter Alma Mahlers ist eine "Engels-Gazelle vom Himmel"
(A 62) und stirbt bald, und Franz Werfel hat ein "Froschauge",
während "sein Mund dem eines Karpfens glich" (A
63). Musil hatte "etwas von einer Schildkröte"
(A 181), und Canetti selbst wurde einmal von John Heartfield mit
einem "Du Termite du! Selbst ein Termite!" bedacht (F
252). Diese Charakterisierungen dienen Canetti dazu, die Menschen,
mit denen er gelebt hatte, als individuell begrenzte Figuren darzustellen,
wie sie dann zu einem Teil seiner selbst geworden, in ihn eingegangen
sind. Canetti, der in seiner Jugend jede neue Erfahrung als ein
Gefühl körperlicher Erweiterung empfunden hatte (gZ
266), erfährt auch das Erlebnis von Menschen als eine Einverleibung
von Figuren. Er, der von sich sagt, daß er seit seinem zehnten
Lebensjahr das Gefühl hatte, "aus vielen Figuren zu
bestehen" (F 152; vgl. gZ 127), erlebt Menschen, auf die
er sich einläßt,als neue Verwandlungsmöglichkeiten
seiner selbst. Seine Autobiographie stattet ihnen Dank ab. Für
sie gilt das, was er in "Masse und Macht" über
die Idee der literarischen Unsterblichkeit formuliert hat:
"Nicht nur hat man es verschmäht, zu töten,
man hat alle, die mit einem waren, mitgenommen in jene Unsterblichkeit,
in der alles wirksam wird, das geringste wie das größte"
(MM 319).
Keine harmlose Charakterisierung zur Aufbewahrung in einer inneren, lebendigen "Tierwelt", sondern durchaus "schwärzeste Kenntnis", aus der dann allerdings auch "Hoffnung fließt", ist Canettis Darstellung des Bildhauers Fritz Wotruba, den er als die "wildeste Figur in (s)einem Leben" (A 106) bezeichnet, als einen mörderischen Panther.
Canetti schildert einen Besuch im Atelier.
"Als ich das erstemal hinkam, war er mit einer liegenden
weiblichen Figur beschäftigt. Er schlug hart zu und machte
es deutlich, wie sehr es ihm auf die Härte des Steins ankam;
plötzlich spang er von einer Stelle der Figur zu einer anderen,
die weit davon ablag, und setzte den Meißel mit neuer Wut
an. Es war klar, wie sehr er mit den Händen arbeitete, wieviel
von ihnen abhing, trotzdem hatte man den Eindruck, daß er
sich in den Stein beiße. Ein schwarzer Panther, so
kam er mir vor, ein Panther, der sich von Stein nährte. Er
riß am Stein und verbiß sich in ihn. (... ) Damals
... kamen diese Sprünge von oben, vielleicht mußte
ich darum an einen Panther denken, der von einem Baum auf sein
Opfer herunterspringt. Ich hatte den Gedanken, daß er sein
Opfer zerfleische - aber ein Zerfleischen, das in Granit vor sich
geht, was ist das für ein Zerfleischen? (A 107).
Der Darstellung des ersten Eindrucks folgt - wie wir es auch
bei der Schilderung der Vorlesung bei Karl Kraus gesehen haben
- Canettis Deutung und "Erkenntnis":
"Es war eine blutigernste Tätigkeit, die in Stein
vor sich ging. Ich begriff, daß er sich darstellte, wie
er (Wotruba) wirklich war. Seine Natur war so stark, daß
er sich das Schwerste ausgesucht hatte. Härte und Schwere
fielen für ihn zusammen. Wenn er plötzlich wegsprang,
war es, als erwarte er, daß der Stein zurückschlage,
und käme dem zuvor. Es war ein Mord, den er einem forführte.
Es dauerte lange, bis ich erkannte, daß er morden mußte"
(A 107).
Dies ist nun ein vollkommenes Beispiel für Canettis prähistorisch-physiognomische
Methode der Menschen-Erkenntnis, doppelt wertvoll, da es sich
um die Darstellung eines Menschen handelt, den Canetti außerordentlich
geschätzt hat, so daß der vorschnelle Einwand, es handele
sich hier um eine "Reduktion" vom Humanen ins Animalische
in satirischer, angreifender Absicht, sich erübrigt. Der
Ernst, mit dem Canetti aus dem Bildhauer Fritz Wortuba den "Panther"
und Mörder herausarbeitet, ist in der ganzen Autobiographie
sonst nur noch erreicht in der - andersartigen - Idealisierung
Dr. Sonnes, des "Weisen"34. Fritz Wotruba
ist das wilde, mörderische Tier, das, ohne sich zu "zähmen",
den symbolischen Gegenstand gefunden hat, an dem es Tier bleiben
kann, ohne zu töten: das Material zu einer vollständigen
Selbstdarstellung.
Die Bedingung für eine solche völlige Verausgabung
des "Tierischen" im harten Material der Kunst ist die
Integrität der Person - Canetti betont, daß Wotruba
einen "furchtbaren Ernst der Worte" (A 108) hatte, daß
er einer der wenigen Menschen sei, bei dem Worte galten.
"Es ging um zwei Dinge bei ihm, und um diese zwei allein:
die Macht des Steins und die Macht der Worte, auf jeden Fall also
um Macht, aber in einer so ungewöhnlichen Verbindung ihrer
Elemente, daß man es hinnahm wie eine Naturgewalt und daran
so wenig aussetzte wie an einem Gewitter" (A 109).
Zum Schluß soll noch von einem Tierbild die Rede sein,
das Canetti nicht zur Charakteisierung einer Person benutzt hat
- wenn es auch in einer Geburtstagsrede verwendet worden ist,
der zum 50. Hermann Brochs im Jahre 1936 -, sondern zur Verdeutlichung
einer Funktion, der des Dichters nämlich, den Canetti zum"Hund
seiner Zeit" erklärt:
"Der wahre Dichter aber, wie wir ihn meinen, ist seiner
Zeit verfallen, ihr leibeigen und hörig, ihr niedrigster
Knecht. Er ist mit einer Kette kurz und unzerreißbar an
sie gefesselt,. . .: er ist der Hund seiner Zeit. Er läuft
über ihre Gründe hin, bleibt hier stehen und dort; willkürlich
scheinbar, doch unermüdlich, für Pfiffe von oben empfänglich,
nur nicht immer, leicht aufzuhetzen, schwerer zurückzurufen,
von einer unerklärlichen Lasterhaftigkeit getrieben; ja,
in alles steckt er seine feuchte Schnauze, nichts wird ausgelassen,
er kehrt auch zurück, er beginnt von neuem, er ist unersättlich;
im übrigen schläft und frißt er, aber nicht das
unterscheidet ihn von den anderen Wesen, was ihn unterscheidet,
ist die unheimliche Beharrlichkeit in seinem Laster (... ). Es
ist immer unverkennbar, heftig und primitiv. Es drückt sich
im Gestaltlichen und Physiognomischen deutlich aus. Der Dichter,
der sich von ihm besessen sein läßt, verdankt ihn das
Wesentliche seiner Erfahrung" (GdW 13).
Es erstaunt, daß Canetti vom "Dichter" dasselbe
verlangt wie von seinen eigenen Roman- und Dramenfiguren: feste
Prägnanz des Umrisses, Einseitigkeit des Charakters, "deutlich
und gewaltig" (A 121) soll er sein, primitiv und eindeutig
identifizierbar. Doch soll hier nicht unterschlagen werden, daß
Canetti noch einige andere Grundforderungen aufstellt: die nach
Universalität und die danach, "daß er gegen seine
Zeit steht" (GdW 15); es sind also drei Forderungen, und
sie stehen untereinander in einem schmerzhaften Gegensatz.
"Denn keineswegs ist der Dichter ein Held, der seine Zeit
zu bewältigen und sich untertan zu machen hätte. Im
Gegenteil, wir sahen, daß er ihr verfallen ist, ihr niedrigster
Knecht, ihr Hund; und dieser selbe Hund, der ein Leben lang seiner
Schnauze nachläuft, Genießer und willenloses Opfer,
Lüstling und genossene Beute zugleich, dieses selbe Geschöpf
soll in einem Atem gegen das alles sein, sich gegen sich selbst
und sein Laster stellen, ohne sich je davon befreien zu dürfen,
weiter machen und empört sein und obendrein um seinen eigenen
Zwiespalt wissen! Es ist eine grausame Forderung, wirklich, und
es ist eine radikale Forderung; sie ist so grausam und radikal
wie der Tod selbst" (GdW 16).
Vom wahren Dichter wird also beides verlangt: die lasterhafte Verfallenheit an seine Zeit, eine Gier, aufzunehmen und die Welt in seiner Einseitigkeit zu interpretieren, und der Widerstand gegen sie und gegen die eigene, hungrige Lust und Treue35", ein Kampf um Distanzierung und Erkenntnis. Gelingen könnte es nur dem, der sich hineinverwandeln kann in Menschen aller Kulturen und in alle lebende Kreatur, ohne sich ganz in sie zu verlieren. Die "Hüter der Verwandlung" "sollten imstande sein, zu jedem zu werden, auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten" (GdW 286). Man ist ersucht zu ergänzen: "auch zum Größten, zum Raffiniertesten, zum Wildesten und Mächtigsten"; denn das unterscheidet den Künstler von anderen, auf Macht versessen Handelnden: daß er alle Kräfte aus sich entbinden kann, ohne auf den Tod zu spekulieren, ohne zum Überlebenden und realen Machthaber zu werden.
Für andere, die Nicht-Dichter und Nicht-Künstler,
hat Georges Kien eine Vision parat:
"Tiere treiben ihre Neigungen auf die Spitze und brechen
sie ihnen dann ab. Am meisten lieben sie den häufigen Wechsel
ihrer Geschwindigkeiten. Sie fressen sich satt und lieben sich
matt. Seien wir Tiere!" (B 371)
Siglen der Werke Elias Canettis, aus denen zitiert wurde:
A = Elias Canetti: Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937. München/Wien 1985
B = Elias Canetti: Die Blendung. Frankfurt a.M. 1979
D = Elias Canetti: Dramen. Hochzeit. Komödie der Eitelkeit. Die Befristeten. Frankfurt a.M. 1981
F = Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931. Frankfurt a.M. 1981
GdW = Elias Canetti: Das Gewissen der Worte.Essays. Frankfurt a.M. 1982
MM = Elias Canetti: Masse und Macht. Düsseldorf 1978
PdM = Elias Canetti: Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942 - 1972. Frankfurt a.M. 1981
S = Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch. Frankfurt a.M.1984
gZ = Elias Canetti: Die gerettete Zunge. München /Wien
1977
1) Elias Canetti/Manfred Durzak:"Akustische Maske und Maskensprung."In: Zu Elias Canetti, hg, v. Manfred Durzak.Stuttgart 1983, S. 17-30
2) ebd., S. 22. Es handelt sich hier um zwei Schallplatten, die zu dem Buch gehören: Julian Huxley/Ludwig Koch, Animal Language, erschienen 1938 in London, Verlag Country Life Ltd. Canetti hat es erst 1940 in der Emigration, also lange nach der Entstehung von "Hochzeit" und "Komödie der Eitelkeit" kennengelernt (wie er mir schrieb); leider ist es ihm mitsamt den Platten auf einer seiner Reisen verlorengegangen, und antiquarisch hat er's nicht mehr auftreiben können. Über einen Hinweis, wo es zu bekommen wäre, würde ich mich freuen!
3) Canetti/Durzak, a.a.O., S. 22
4) ebd., S. 17 f.
5) Zu dieser, die strukturale Linguistik begründenden Unterscheidung vgl. Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft, Berlin 2.1967, S. 9 ff.
6) vgl. J.W.Goethe, Faust II, Akt I, Szene "Finstere Galerie"
7) Die Tod-Feindschaft ist Canettis Lebens-Thema; dafür steht sein Gesamtwerk. "Manchmal glaube ich, sobald ich den Tod anerkenne, wird sich die Welt in Nichts auflösen" (PdM 49)
8) Gerald Stieg, "Betrachtungen zu Elias Canettis Autobiographie". In: Durzak (Hg.), a.a.O., S. 164 ff.
9)Erwin Chargaff: Das Feuer des Heraklit. Stuttgart 2.1980
10) F. de Saussure, a.a.O., S. 76 ff.
vgl. Jaques Lacan, Ecrits, Paris 1966, S. 502
12) Vgl. F. de Saussure, a.a.O., S. 79 ff.
13) Einen solchen Vorwurf hat z.B. Ernst Fischer in seinen "Bemerkungen zu Elias Canettis 'Masse und Macht' erhoben (Literatur und Kritik 1,(1966), H.7 S. 13, vgl. Anm. 21
14) Elias Canetti/Horst Bienek: "Die Wirklichkeit wie mit Scheinwerfern von außen her ableuchten. Ein Gespräch". In. Durzak (Hg.)a.a.O. S. 11
15) ebd.
15 a) Vgl. Jean Baudrillard: "Die fatalen Strategien", München 1985. Hier finden sich Canetti-Zitate und -Interpretationen an zentralen Stellen (S. 15 ff, 153, 169, 176)
16) Canetti liest: "Hochzeit", "Komödie der Eitelkeit" und "Die Befristeten". München 1981
17) Canetti/Durzak, a.a.O., S. 23 f.
18) ebd., S. 23
19) Marcel Reich-Ranicki: Der Triumph des Elias Canetti. In: FAZ vom 16. August 1980
20) Jan Papiór: "Die Konstanz der 'rasenden Elektroden'. Zu Elias Canettis Anthropologie literarischer Figuren". In: Stefan H. Kaszynski (Hg.): Elias Canettis Anthropologie und Poetik. München/Poznan 1984, S. 71
21) Es hat hierzu eine Kontroverse gegeben zwischen Ernst Fischer (vgl. Anm. 13) und Wolfgang Hädecke (Literatur und Kritik 2(1967), S. 599-610
22) Vgl. Heinz Beckmann, "Braunschweiger Nachspiel". Rheinischer Merkur 26.11.1965
23)Manfred Durzak: "Elias Canettis Weg ins Exil. Vom Dialektstück zur philosophischen Parabel". In: Literatur und Kritik XI, 1979, S. 466
24)Theodor W. Adorno: Brief an das Staatstheater Braunschweig. In:Zeugnissammlung Staatstheater Braunschweig, S. 1
25) Edgar Piel: Elias Canetti. München 1984, S. 45
26) Dazu Hans Feth: Elias Canettis Dramen. Frankfurt a.M. 1980, S. 105 f.
27) Vgl. PdM 97
28) Hans Feth, a.a.O., S. 118
29) Dagmar Barnouw: Elias Canetti, Stuttgart 1979
30) Elias Canetti: "Der Gegen-Satz zur 'Hochzeit'". Schauspielhaus zürich, Spielzeit 1969/70, H.4; Zit. In: Hans Feth, a.a.O., S. 61
31) ebd.
32) Erich Fried: "Einleitung" zu. Elias Canetti. Welt im Kopf. Graz und Wien 1961, S. 15; zit. In: Dagmar Barnouw, a.a.O., s. 30
33) GdW 286
34 Im Teil 2 des "Augenspiel"
35) In seinem Aufsatz "Gedanken zu Elias Canetti" (in: Literatur und Kritik VII/1972, S. 280) spricht W.G.Sebald in bezug auf den Dichter als dem "Hund seiner Zeit" von der "Schwierigkeit eines zwischen Angst und Treue zerrissenen Lebens".
Dieser Aufsatz ist zuerst erschienen in der "Sprache im
technischen Zeitalter" 94 (1985)